Movida 2/2001

Prozesse, Demos, Landtitel

Der Rechtshilfefonds für Landkämpfe in Mittelamerika

1996 haben sich die Infostellen El Salvador und Guatemala und das Informationsbüro Nicaragua im Rechtshilfefonds zur Unterstützung der Landkämpfe in Mittelamerika zusammengeschlossen. Auf diesen Seiten wollen wir einige der Kämpfe vorstellen, die wir in den letzten zwei Jahren mit dem Rechtshilfefond unterstützen konnten, und damit auch für Eure (weitere) Unterstützung des Rechtshilfefonds werben.

prozesse1Die Landfrage bleibt für uns ein zentraler Auseinandersetzungspunkt in Mittelamerika. Die regionale Wirtschaft ist immer noch agraisch geprägt (wenn man von den Exportzahlen der boomenden Maquila-dora-Industrie absieht, die zu einer verzerrten Statistik führen). Das ländliche Massenelend bestimmt nach wie vor die soziale Situation mit Landflucht und Migration. Wir meinen, dass die Agrarreform und Politiken, welche die fortschreitende ökologische, soziale und kulturelle Verwüstung immer größerer Landstriche des Isthmus aufhalten, immer wieder auf die Tagesordnung gehören.

Heute stehen die direkten Auseinandersetzungen um besetzte oder von Räumung bedrohte Ländereien im Vordergrund. Die großen Bewegungen jedoch, für eine gerechtere Verteilung des Landbesitzes in Mittelamerika sind zurückgegangen. Nicht weil die Landfrage gelöst wäre. Die Menschen, die in verschiedenen Gruppen und Organisationen für ihr konkretes Anrecht auf Land kämpfen, brauchen jetzt erst recht unsere Unterstützung.

Nicaragua

Die Auseinandersetzungen um Land in Nicaragua begründen sich auch heute noch vor allem aus der sandinistischen Landreform in den 80er Jahren und der Reprivatisierung volkseigener Betriebe in den 90er Jahren. Vielfach bestehen Streitigkeiten um die Rechtmäßigkeit von Landtitel. Dabei fordern vor allem die aus den USA zurückgekehrten somozistischen Großgrundbesitzer das Land zurück, das sie in den 80ern aufgegeben hatten. Aber auch innerhalb der zugunsten der ArbeiterInnen privatisierten Betriebe kommt es immer wieder zu Streitigkeiten zwischen ArbeiterInnen und korrupten Geschäftsleitungen.

Sieg im Bananensektor

So wehrten sich ArbeiterInnen des Bananensektors, die nach der Reprivatisierung zu AktionärInnen von TRABANIC S.A. wurden, gegen die undurchsichtige Unternehmensführung durch die Gewerkschaft ATC. Sie haben eine ordnungsgemäße Buchführung, eine Beteiligung an den Entscheidungen der Betriebsleitung und die finanzielle Beteiligung an den Gewinnen der letzten Jahre eingefordert. Mit Hilfe des Rechtshilfefonds konnten verschiedene Prozesse gewonnen werden. Womit erreicht wurde, dass die Buchhaltung offengelegt und Gewinnbeteiligungen an die ArbeiterInnen ausgezahlt werden.

Korrupte Gewerkschaftsfunktionäre

Wir berichteten bereits in der letzten »movida« 1/01 über die Auseinandersetzungen innerhalb des APT Betriebes (ArbeiterInnen-eigener Betrieb) »Juan Martinez«. In diesem Betrieb hatte die Junta Directiva (Geschäftsleitung) Landtitel der ArbeiterInnen als Sicherheit für Kredite benutzt, an denen sie sich persönlich bereicherten. Wir unterstützen mit dem Rechts-hilfefond die ArbeiteInnen von drei Fincas innerhalb dieses Betriebes, die juristisch gegen die Geschäftsleitung vorgehen, um die Räumung ihrer Fincas im Auftrag der Banken zu verhindern. Wir hoffen das diese Unterstützung dazu beiträgt, den 260 betroffenen Familien den Verbleib auf ihrem Land zu ermöglichen.

Großgrundbesitzer will Kooperativen vertreiben

Im Municipio San Juan unterstützen wir drei Kooperativen in denen ca. 300 Menschen leben. Diese ehemals landlosen BäuerInnen hatten 1987 Land von der sandinistischen Regierung erhalten. Das Land liegt im damaligen Kriegsgebiet und hatte keinerlei nutzbare Infrastruktur. Nach einer Phase der Subsistenzproduktion haben die Arbeiter-Innen mit dem Anbau von ökologischen Kaffee und Bananen begonnen, aus deren Ertrag sie heute ihren Lebensunterhalt bestreiten können.

Der ehemalige Besitzer fordert dieses damals unbewirt-schaftete Land inzwischen zurück. Er stützt sich dabei auf ein Schreiben der Agrar-reformbehörde INRA undurchsichtiger Herkunft, welches besagt, dass diese Behörde niemals Landtitel an die Kooperativen ausgestellt habe. Mit diesem Dokument hoffte er die ArbeiterInnen einzuschüchtern und zur Aufgabe zu bewegen. Diese konnten aber ihre legalen Agrarreformtitel vorlegen, womit die erste richterlich angeordnete Räumung verhindert werden konnte.

Da die Polizei nicht räumte, heuerte der Exbesitzer 30 Bewaffnete an, die die Menschen einschüchtern sollten. In dieser Phase erhielten die BewohnerInnen der bedrohten Kooperativen Unterstützung aus anderen Kooperativen, mit denen sie zusammen die landwirtschaftliche Produktion und Vermarktung organisieren. So konnte ständig gruppenweise Präsenz auf den Fincas gezeigt werden um die Handlanger des Exbesitzers zurückzuhalten.

Dieser verfolgt inzwischen die Strategie in höheren Instanzen weiter zu klagen. Die hohen Kosten für dieses Verfahren können die betroffenen Menschen jedoch nicht aufbringen. Mit Geldern aus dem Rechtshilfefond kann ein Teil der Kosten getragen und damit verhindert werden, dass diese Menschen ihr Land verlieren.

Bewaffnete Banden gegen LandbesetzerInnen

Im letzten Jahr konnten auch die ArbeiterInnen der besetzten Finca Roberto Centeno in der Region Matalgapa wieder in ihrem Kampf gegen den Großgrundbesitzer Salvador Cuadra unterstütz werden. Diese ArbeiterInnen harren jetzt schon seit Jahren auf der Finca aus, ohne die Möglichkeit einer längerfristigen Produktionsplanung zu haben, da der Ausgang der Verfahren immer noch ungewiss ist. Der Vorbesitzer, dessen Besitzansprüche mehr als fragwürdig sind, schreckt nicht davor zurück mit Gruppen von bewaffneten Männern Druck auf die ArbeiterInnen auszuüben. In diesem Zusammenhang sind bereits zwei Mitglieder der Kooperative, die Führungsaufgaben übernommen hatten, unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen.

Rechtsstreit um die Legalisierung von Landbesetzungen

prozesse2Seit zehn Jahren kämpft die Genossenschaft ADEPAL darum, das ehemals staatliche Land der »Villa de 15 de Julio« weiter gemeinsam nutzen zu können und nicht an die Großgrundbesitzer zurückzugeben. Noch immer sind zwei Fincas von der Räumung bedroht. Bei drei Fincas scheint die Legalisierung des Landes jedoch näher zu rücken. Diese juristischen Teilerfolge konnten mit Hilfe von Geldern aus dem Rechtshilfefond erzielt werden.

Guatemala

Die Landfrage in Guatemala ist nach wie vor einer der Bereiche, an dem die ungleichen Besitz- und Herrschaftsverhältnisse besonders deutlich werden. Während riesige Ländereien brachliegen, besitzen große Teile der Bevölkerung nicht einmal genug Land, um sich davon zu ernähren. Der subventionierte Exportmais aus den USA ist billiger als der in Guatemala produzierte. Viele Bauern und Bäuerinnen sehen sich deshalb gezwungen, die Produktion aufzugeben und ihre kleinen Parzellen zu verlassen.

Die durch die Friedensverträge eingerichteten Instanzen zur Schlichtung und Lösung von Landkonflikten, CONTIERRA und FONDO DE TIERRAS, scheitern an mangelndem politischen Willen und unzureichender Mittelaustattung. Die neue Regierung der rechten FRG unter Präsident Portillo hat seit ihrem Amtsantritt im Januar 2000 keine wesentlichen Aktivitäten zur Lösung der Landfrage unternommen. Bereits im Wahlkampf war deutlich geworden, dass die Landfrage kein Thema ist: von keiner Partei oder politischen Gruppierung wurde diese Thematik aufgenommen.

Die Informationsstelle Guatemala e.V. hat vor diesem Hintergrund mit Mittels des Rechtshilfefonds drei Projekte unterstützt: einen Sternmarsch der Indígena- und Campesin@-Koordination CONIC auf die Hauptstadt; die Gewerkschaft der ArbeiterInnen der Finca Nueva Florencia bei Xela und die Campesin@s der Finca El Tablero.

<Finca El Tablero an Campesinos übergeben

Der Konflikt um die Finca El Tablero im Departement San Marcos hat einen positiven Ausgang gefunden: die Campesin@s erhielten den offiziellen Landtitel.

Der Konflikt begann bereits Anfang der 80er Jahre, als die BewohnerInnen der Gemeinde im Rahmen der Aufstandbekämpfungspolitik zum ersten Mal durch das Militär vertrieben wurden. Der Besitzer der angrenzenden Finca »Plan de Arena« eignete sich dieses Land an und ließ sich einen Landtitel ausstellen, obwohl ein Dokument aus den 50er Jahren das Land als Gemeineigentum ausweist. Nachdem viele der BewohnerInnen zehn Jahre lang als Flüchtlinge in Mexiko lebten, organisierten sie sich, um auf ihr Land zurückzukehren.1995 kehrten sie mit Unterstützung der Campesin@- und Indígena-Koordination CONIC auf ihr Land zurück.

Die Familien lebten seit ihrer Rückkehr in ständiger Bedrohung. Die Gemeindemitglieder wurden mit Gerichtsverfahren überzogen und das Gelände wurde mehrmals von Sicherheitskräften geräumt. Der Rechtshilfefonds für Landkämpfe in Mittelamerika unterstützte diese Gemeinde und berichtete darüber. Das Ausharren hat sich gelohnt: Nach langjährigem Kampf mit Besetzungen, Räumungen, 19 Verhaftungen, vielen Verletzten und einem Toten wurde ihnen am 5. Januar 2001 der offizielle Besitztitel durch den Direktor des Landfonds überreicht.

Der Sternmarsch

Um der völligen Ausgrenzung des Themas der Landverteilung im Wahlkampf 1999 etwas entgegenzusetzen, organisierte CONIC einen Sternmarsch, der von zahlreichen Gruppierungen unterstützt wurde. Von drei Versammlungspunkten aus wurde am 10. Oktober 1999 losmarschiert, um am 12. Oktober in Guatemala-Stadt anzukommen und dort eine große Demonstration durchzuführen.

An dem Sternmarsch beteiligten sich 8000 Menschen. Eine Protest-Demonstration von solcher Größe hatte seit 1992 nicht mehr stattgefunden. Die hohe Teil-nehmerInnenzahl verdeutlicht die Wichtigkeit des Themas für die ländliche Bevölkerung und deren Unzufriedenheit mit den staatlichen Instanzen.

In der Hauptstadt trafen sich die VerteterInnen der Landorganisationen mit Delegierten von FONTIERRA, CONTIERRA, dem Agrarminister und dem Präsidenten Arzú. Der Marsch wurde als Erfolg gewertet, weil er die Kampfkraft der Landorganisationen veranschauliche.

CONIC wurde zur Durchführung des Sternmarsches mit Mitteln des Rechts-hilfefonds in Höhe von 2000 US$ unterstützt.

Die Gewerkschaft auf der Finca Nueva Florencia

prozesse3Der Lohn auf der Kaffeefinca Nueva Florencia in Colomba bei Xela war so gering, dass er nicht einmal reichte, um ein Fünftel der grundlegenden Lebenshaltungskosten einer Familie abzudecken. Frauen erhielten für die gleiche Arbeit nur etwa die Hälfte des Lohns der Männer. 1997 gründeten 29 ArbeiterIn-nen eine Gewerkschaft und wurden sofort entlassen. Sie verloren ihr Einkommen, und die Plantagen-besitzerInnen verbreiteten eine Liste mit ihren Namen, woraufhin sie in der gesamten Region keine Anstellung mehr bekamen. Die Schikanen wurden noch weiter getrieben: Frauen wurde der Zugang zu Maismühlen verwehrt, die Kinder der GewerkschafterInnen durften die Schule nicht mehr besuchen und der Strom in ihren Häusern wurde abgestellt.

Die ArbeiterInnen gaben jedoch nicht auf und gingen gerichtlich gegen diese Maßnahmen vor – mit Erfolg: die PlantagenbesitzerInnen wurden im Januar 2000 verurteilt, sie wieder einzustellen und die verlorenen Löhne zu zahlen. Dem kamen sie allerdings bis heute nicht nach, und so müssen die gewerkschaftlich Organisierten immer noch ohne Einkommen leben. Ihre Kinder weisen zum Teil Zeichen von Unterernährung auf. Die ArbeiterInnen wurden im April 2000 bei ihrem Arbeitskampf auf den Plantagen mit 2000 US$ unterstützt.

El Salvador

Ende 1999 wurde die Kaffeekampagne El Salvador Mitglied im Rechtshilfefond für die Landkämpfe in Mittelamerika. Seit dieser Zeit gehen auch die Zusatzspenden, die an manchen Orten beim Verkauf des La Cortadora Kaffees eingesammelt werden, in den Rechtshilfefonds. Unter den Mitgliedern der Mittelamerika Kaffee Import GmbH (MITKA) berechnet El Rojito in Hamburg mittlerweile wieder eine solche Zusatzspende. Aus lokalen Kaffee-Verkäufen stammen die Spenden des Weltladens Konstanz und der Frankfurter Sektion der Kaffeekampagne El Salvador.

Gelder für die demokratische Bauernallianz

Im Jahre 1999 wurden 15.000 DM an die Demokratische Bauernallianz (Alianza Democrática Campesina, ADC) in El Salvador weitergeleitet: 6.000 DM aus Spendenmitteln des Rechtshilfefonds, die wir mit weiteren 5.000 DM als Zuschuß von der Stiftung Umverteilen und 4.000 DM vom Internationalen Solidaritätsfonds von Bündnis 90/ Die Grünen aufstocken konnten. Diese Mittel sind für die Rechtsberatung der ADC-Mitglieder, unter anderem von Land-besetzerInnen, und für die Ausarbeitung von Gesetzesvorlagen bestimmt. Konkret geht es dabei um die Finanzierung eines Rechtsanwaltes für diese Aufgaben.

Die ADC ist ein Dachverband und hat als solcher keine individuellen Mitglieder. Mitglieder der ADC sind über 20 Bauern-, BäuerInnen- und LandarbeiterInnen-Organisationen. Diesen und deren Militanten bietet die ADC als eine ihrer wesentlichen Dienstleistungen Rechtsberatung und Rechtshilfe an.

Weil eine jener internationalen Nichtregierungsorganisationen, die ihre Politik eher an den eigenen Interessen ausrichten als an denen ihrer »Kundschaft« und die mit ihren Gelder Organisationen ins Leben rufen oder auch wieder eingehen lassen, ausgefallen war, bat die ADC den Rechts-hilfefonds um Unterstützung zur Finanzierung des dringend benötigten Rechtsanwaltes.

Staatsland für Landlose

Ende 2000 wurden dem Nationalen Verband der LandarbeiterInnen ANTA (Asociación Nacional de Trabajadores Agropecuarios) in El Salvador 11.000 DM übergeben. Nach langen Auseinandersetzungen um Flächen, die über die 245 ha hinausgehen, welche private Landeigentümer nach der salvadorianischen Verfassung besitzen dürfen - Auseinandersetzungen, bei denen ANTA unter dem Dach der ADC eine führende Rolle gespielt hat - haben die Landlosen und Landarmen ein Auge auf Staatsland geworfen, das ihnen nach der Verfassung und den Friedensverträgen von 1992 zusteht. 45 Grundstücke mit fünf bis 1.750 ha, auf denen bereits Campesinas und Campesinos bis zu 40 Jahren leben und arbeiten, ohne jedoch Eigentumstitel darauf zu haben, sind bislang identifiziert worden. Mit Unterstützung des Rechtshilfefonds werden jetzt Workshops durchgeführt, in denen die Betroffenen mit rechtlichen Fragen vertraut gemacht werden. Weitere Mittel sind für die Inspektion der identifizierten Grundstücke und die Überprüfung der Grundbücher, sowie für Mobilisierungen und Zeitungsanzeigen vorgesehen.

Honduras

Die Arbeitsgemeinschaft Rechtshilfefonds hat sich für die Unterstützung von Landkämpfen in Honduras entschieden, weil die kämpferischen hondurenischen Bauern- und Bäuerinnenorganisationen oft vergessen werden. Knapp 7.000 DM gingen Ende 1999 an den Nationalen Bauernverband (Asociación Campesina Nacional, ACAN) in Honduras. Diese Summe wurde wiederum durch einem Zuschuß der Stiftung Umverteilen in Höhe von 7.000 DM ergänzt. Im vorliegenden Fall ging es darum, daß bei Auseinandersetzungen mit Großgrundbesitzern und Agrarkapitalisten im Departement Yoro zahlreiche Landbestzungen gewaltsam geräumt, ACAN-Mitglieder erschossen, verwundet und verhaftet wurden und die Organisation dringend Geld brauchte für Rechtshilfe, Kautionen, medizinische Betreuung und Reisekosten ihrer OrganisatorInnen.

Im März 2000 bekamen wir die Nachricht, daß 12 ACAN-Mitglieder inzwischen freigelassen worden waren. In 14 weiteren Fällen erreichten die Rechtsanwälte von ACAN, daß die Haftbefehle aufgehoben wurden.

Arbeitsgemeinschaft (ArGe)
rechtshilfe fonds
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Stadtsparkasse Wuppertal
BLZ 330 500 00
 

Die Revolution beginnt im Friseurladen

Ein Interview mit Sergio Ramírez

In dieser »movida« wollen wir die Reihe von Beiträgen zu kulturellen Themen in Nicaragua mit Ausschnitten aus einem Interview mit Sergio Ramìrez fortsetzen. In seinem neuen Buch »Adios Muchachos« arbeitet er seine persönliche Geschichte mit der nicaraguanischen Revolution auf. Auch wenn wir nicht immer mit ihm einer Meinung sind, halten wir seine Texte und Sichtweisen für wichtige Beiträge zu Politik und Kultur in Nicaragua.

revolution1Bis vor kurzem konnte Sergio Ramírez als einer der letzten für Lateinamerika so typischen Intellektuellen gelten, die das Schreiben mit der Politik verbinden. Ramírez selbst hat wiederholt auf die Gleichrangigkeit dieser »oficios compartidos«, dieser beiden Berufe für sein Leben hingewiesen, gar von einem kongenialen Verhältnis gesprochen. Mit der Wahlniederlage der Sandinisten im Februar 1990, dem Austritt des nicaraguanischen Schriftstellers aus der FSLN 1994 und der erfolglosen Präsidentschaftskandidatur für die aus dem FSLN hervorgegangene »Bewegung der sandinistischen Erneuerung« MRS im Oktober 1996 scheint sich das Zünglein an der Waage endgültig zur Literatur hin geneigt zu haben. Für sein schriftstellerisches Werk hat er mehrere renommierte Literaturpreise erhalten.

Zwischen 1975, als er begann, sich dem politischen Engagement für den Sturz der Somoza-Diktatur und dann dem Aufbau des neuen Staates zu widmen, und 1985, als er zum Vizepräsidenten Nicaraguas gewählt wurde, schrieb Ramírez nach eigenen Angaben keine Zeile (Literatur). Doch schon während seiner Vizepräsidentschaft nahm er seine Tätigkeit als Schriftsteller wieder auf, als der er sich immer verstand. Mit seinen inzwischen fünf veröffentlichten Romanen, zwei testimonios, zahlreichen Erzähl- und Essaybänden ist Sergio Ramírez einer der bedeutendsten zeitgenössischen Prosaautoren Nicaraguas.

Werner Mackenbach sprach mit ihm in Managua über die politische Situation in Nicaragua, die Rolle der Intellektuellen und seine literarischen Projekte

Als Sie vor einigen Monaten gefragt wurden, ob Sie in die Politik zurückkehren revolution2werden, antworteten Sie »mit einer der häufigsten Lügen in Nicaragua: Ich werde niemals wieder in die Politik zurückkehren.« Muss nicht von einer allgemeinen Tendenz unter den lateinamerikanischen Intellektuellen gesprochen werden, der Politik für immer den Rücken zu kehren?

Eine Sache ist es, der Politik, verstanden als Kandidatur bei Wahlen oder Übernahme von politischen Ämtern, den Rücken zu kehren. Eine andere Sache ist Politik, verstanden als Meinungsäußerung und Beteiligung an der öffentlichen Meinungsbildung, Kritik am System, an dem, was politisch geschieht. In diesem letzteren Sinn habe ich nicht vor, die Politik aufzugeben.

Ich glaube, dass die politische Aktivität in Nicaragua darauf ausgerichtet sein muss zu verhindern, dass die Situation sich weiter verschlechtert, dass das demokratische System geschwächt wird und dass wir nicaraguanischen Intellektuellen nicht mehr in diesem Land leben können.

Meine Beteiligung an der Politik besteht heute darin zu garantieren, dass ich in Nicaragua leben kann, in einem System, das mit meinen Ideen und Prinzipien zu vereinbaren ist. Wenn ich zwanzig, dreißig Jahre jünger wäre, würde ich ein politisches System, das diesen Bedingungen nicht entspricht, so bekämpfen, wie ich damals die Somoza-Diktatur bekämpft habe. Aber jetzt hätte ich nicht mehr die Energie dazu und müsste mich für ein Leben im Exil entscheiden.

Was das Verhältnis von Literatur und Macht/Politik angeht, wurde im Nicaragua der achtziger Jahre viel von einer »Republik der Poeten« gesprochen. Oft und gern wurde damals ein dem Dichter Ernesto Cardenal zugeschriebener Satz zitiert, dass in Nicaragua die Literatur an der Macht sei - eine Aussage, die heute wie aus einem anderen Jahrhundert zu stammen scheint.

In der Tat spielte die Literatur jedoch eine wichtige Rolle in dem Projekt der Befreiung. Wie sehen Sie heute nach den vielfältigen Prozessen des politischen und sozialen Wandels in den achtziger und besonders in den neunziger Jahren dieses Verhältnis zwischen Literatur und politischer Macht?

Ich glaube, dieses reine, direkte Verhältnis zwischen Literatur und Politik kann es nur in Zeiten einer Revolution geben, in Zeiten eines sehr radikalen Wandels, in denen alles auf den Kopf gestellt wird. Das heißt in Zeiten, in denen alles Teil des Kampfes ist mit dem Ziel, ein System zu stürzen und ein anderes aufzubauen.

Ich glaube, diese Beteiligung hat dann nichts Heroisches, nichts Episches oder Romantisches an sich, wenn es sich um eine ganz gewöhnliche Regierung handelt, wie sie heute in Lateinamerika existieren, das heißt also eine Regierung oder ein politisches System, die weder die schöpferische Einbildungskraft der Schriftsteller, der Künstler, noch der Menschen im Allgemeinen wecken. Ich sehe im Moment nicht eine solche attraktive Situation. Auch in Deutschland gibt es heute ja keinen bedeutenden Schriftsteller, der sich offen an die Seite der Regierung stellt. Und ich sehe auch keinen Grund, warum das heute jemand tun sollte.

Die siebziger und achtziger Jahre in Nicaragua - die Jahre des Krieges und der Revolution - waren, von wenigen Ausnahmen abgesehen, Jahre, in denen auf dem literarischen Feld die Poesie und die Testimonial-literatur dominierten. Das waren zweifellos literarische Formen, die den Erfordernissen des politischen Kampfes, zunächst zum Sturz der Diktatur und dann beim Aufbau einer neuen politischen Ordnung, mehr entsprachen als andere. Sie wurden gar als kulturelle Waffen in einem Projekt des »literarischen Nationalismus« verstanden. Wie erklären Sie sich, dass die erzählende Literatur, und vor allem der Roman, diese Vorherrschaft heute in Frage stellt?

Diese literarischen Formen waren Instrumente, die dem historischen Moment besser entsprachen, und während der Revolution waren sie gar die privilegierten Formen. Es gab zum Beispiel auch die canción testimonial (das politische Lied; W.M.). Heute kommt niemand mehr auf die Idee, solche Lieder zu schreiben. Diejenigen, die damals solche Lieder vortrugen, singen heute boleros. Vielleicht kann man sogar die Ablösung des testimonio durch den Roman mit der des politischen Lieds durch den bolero vergleichen.

Und vielleicht hat die angesprochene Veränderung hauptsächlich mit einem Reifeprozess zu tun. Sich auf das Abenteuer einzulassen, einen Roman zu schreiben, ist etwas sehr Komplexes.

Der angesprochene Paradigmenwechsel in der zentralamerikanischen Literatur bedeutet keineswegs, dass heute keine Bücher mehr geschrieben werden, die Testimonialcharakter haben. Das zeigt zum Beispiel Ihr letztes Buch, Adiós muchachos, das in gewisser Hinsicht ja auch ein testimonio ist, wenn auch nicht im traditionellen Sinne der siebziger und achtziger Jahre, oder die Autobiografie von Ernesto Cardenal, Vida perdida.

Muss nicht von einem Prozess der Individualisierung dieser Formen von Testimonialliteratur gesprochen werden? Hat man den Anspruch aufgegeben, repräsentativ sein zu wollen, sein eigenes Schicksal als exemplarisch für das eines ganzen Volkes oder einer (unterdrückten) Klasse auszugeben?

Im Falle Ernesto Cardenals und Gioconda Bellis wie in meinem geht es um einen Kontoabschluss, um eine Bilanz. Die Sicht dieser Art von Literatur ist nicht nach vorn gerichtet. Nachdem ich dieses Buch geschrieben und nachdem Ernesto und Gioconda ihre Autobiografien beendet haben, werden wir nicht mehr darauf zurückkommen.

Ich musste diesen testimonio schreiben, denn ich musste meine Sicht dessen darlegen, was die Revolution war, und zwar nicht in Form einer literarischen Fiktion, sondern in realen Begriffen.

Ich werde jetzt mit einem Roman beginnen, der zur Zeit der Revolution spielt.

... in dem sicher auch Sergio eine Rolle spielen wird?

Nein. Ich werde mit einer Persönlichkeit aus der Großbourgeoisie beginnen. Einige seiner Kinder beteiligen sich an der Revolution, andere gehen zur Contra. Ich habe schon einen Plan für diesen Roman, und ich weiß, wie er anfangen wird. Er wird in einem Friseurladen beginnen...

revolution3In Ihrem vorletzten Roman, Un baile de máscaras, geht es unter anderem um die Vorbereitung eines Maskenballs, der aufgrund höherer Umstände (u.a. wegen des Regens) niemals stattfindet. Dieser gescheiterte Maskenball wurde als Allegorie auf das Scheitern des kulturellen Projekts der achtziger Jahre in Nicaragua interpretiert. Ist das eine treffende Interpretation?

Nein, ich glaube nicht. Ich habe viel für das Unterbewusste übrig, aber ich kenne C.G. Jung nicht sehr gut. Zumindest bewusst ging es mir in diesem Roman nicht darum. Ich wollte die Geschichte meiner Familie erzählen, bzw. eine Geschichte aus dem Umfeld meiner Familie erfinden. Allerdings wollte ich ihr keine gesellschaftliche oder politische Tragweite geben. Aber nun gut, dies ist ein Land der Frustrationen - die Revolution ist für mich eine große Enttäuschung - und ich habe diesen Roman nach der Wahlniederlage des FSLN geschrieben...

In Lateinamerika und Europa, insbesondere in Spanien, wurde der Roman enthusiastisch rezipiert. Ich weiß allerdings sehr wenig über seine Aufnahme in Nicaragua selbst. Ich habe nur ein paar kritische und etwas reservierte Kommentare gelesen. Hat das etwas mit der Entmythisierung der Vatergestalt der nicaraguanischen Literatur und dem nationalen Symbol Rubén Darío sowie der revolutionären Tat des jungen Dichters Rigoberto López Pérez, der 1956 den Diktator Anastasio Somoza ermordete, zu tun?

Hier in Nicaragua gibt es keine Literaturkritik. Man kann also nicht von einer Reaktion in dieser Hinsicht sprechen. Allerdings wurden inzwischen hier im Land in einem Zeitraum von anderthalb Jahren mehr als 10.000 Exemplare verkauft, und für Nicaragua ist das eine beachtliche Ziffer. In dieser Hinsicht kann man davon sprechen, dass der Roman gut aufgenommen wurde.

Kehren wir noch einmal zu Ihrem letzten Buch, Adiós muchachos, und zur politischen Situation in Nicaragua zurück. An diesem Buch hat mich die Offenheit beeindruckt, mit der Sie viele Fehler und Irrtümer der damals Handelnden, darunter auch Sergio Ramírez, kritisieren. Allerdings hat mich überrascht, dass Sie im Rahmen dieser Kritik und Selbstkritik Ihre ehemaligen Genossen mit viel Zurückhaltung, mit großer Rücksichtnahme, um nicht zu sagen Schonung, behandeln. Konnten oder wollten Sie nicht mehr über die Auseinandersetzungen innerhalb des FSLN sagen, über die »weißen Flecken« in der Geschichte des Frente, die sich oft als »dunkle Flecken« erweisen könnten?

Als ich das Konzept zu diesem Buch entwickelte, fand ich nicht, dass diese interne Geschichte des FSLN auf großes Interesse stoßen könnte. Und wenn sie Interesse hervorrufen würde, dann wäre es ein besonderes Interesse von Lesern, die in schlüpfrigen Dingen herumwühlen wollen. Auf der anderen Seite wollte ich nicht den Eindruck vermitteln, dass ich ein rachsüchtiges Buch schreiben wollte oder das Buch eines Dissidenten, der sensationelle Dinge enthüllt. Das war nicht meine Absicht. Meine Intention war vielmehr, einen Bericht darüber zu schreiben und eine Einschätzung davon abzugeben, was für mich die großen ethischen Werte der Revolution und der Bruch mit ihnen war. Darauf wollte ich mich konzentrieren, und zwar von den Anfängen an, den sozusagen heiligen Aspekten, dem Kampf in den Katakomben, bis hin zum Projekt der Revolution. Was ich mit den Mitteln des Romans erzählen will, ist dieses ethische Projekt. Das war für mich das Bedeutendste an dem, was hier passierte. Die ethischen Werte entwickelt und auf eine neue Stufe gehoben und sie dann missachtet zu haben, das ist für mich ein wirkliches Drama.

Ramirez

Wie schätzen Sie die aktuelle politische Situation ein? Ist das Land - zwanzig Jahre danach - nicht wieder auf den Ausgangspunkt zurückgeworfen, insbesondere was die autokratische Machtausübung, den Klientelismus, das politische Paktieren und die Korruption angeht?

Ich denke ja. Ich glaube, dass wir an einem Punkt angelangt sind, wo man wieder von vorne anfangen muss. Der Stein liegt wieder ganz unten. Übrig geblieben ist eine rhetorische Verfälschung all dessen, was sich hier zugetragen hat. Die Begriffe »rechts« und »links« haben für mich jeden Sinn verloren. Es gibt Leute in der FSLN, die fortfahren, Urkunden auszuteilen, wer zur Linken gehört und wer zur Rechten. Aber wer verteilt denn diese Beurteilungen, und welche Position hat er inne? Die Linke war und bleibt für mich immer mit einem tiefgreifenden ethischen Projekt verbunden. Man kann nicht von der Linken sprechen, ohne sich mit einem solchen ethischen Projekt zu verbinden. Man kann sagen, dass Che Guevara hinsichtlich seiner strategischen, militärischen Vision irrte, dass er sich deshalb in Bolivien in Schwierigkeiten verstrickte. Er konnte ermordet werden, weil sein Projekt militärisch oder auch politisch nicht funktionierte. Aber niemand hat bisher seine ethischen Werte in Frage gestellt.

Bei den aktuellen Neubestimmungen in Nicaragua hinsichtlich dessen, was links ist und was rechts, stört mich am meisten, dass sich die Spitze des FSLN als alleiniger Rechtsverwahrer der Linken aufspielt. Das zu akzeptieren würde bei der aktuellen Politik des politischen Paktierens mit der Regierung ja heißen, dass auch Arnoldo Alemán links ist. Es geht ja nicht nur um ein Bündnis mit Alemán, sondern um eine regelrechte Vereinigung. Soll das also heißen, dass Alemán plötzlich ein Linker geworden ist? Und dass wir alle, die wir gegen Alemán und die Paktiererei mit ihm sind, uns plötzlich in Rechte verwandelt haben? Das ist doch völlig absurd. Und wozu dient die Einteilung in Rechte und Linke, wenn es keine ethischen Werte gibt, die dieser Einteilung, diesen politischen Ideen zugrunde liegen, diese Ideologien tragen?

Hat außerhalb der politischen Parteien, besonders außerhalb des FSLN, etwas von diesen Ideen, diesem ethischen Projekt der siebziger und achtziger Jahre überlebt?

Wir leben in einer Zeit großer Verwirrung. Ich sehe im Moment niemanden, der in der Lage und dazu bereit wäre, bis zum Ende für diese Ideen zu kämpfen, die unter den gegenwärtigen Umständen ziemlich aus der Mode gekommen sind. Das ruft bei mir eine große Skepsis hervor. Da gibt es zum Beispiel Gewerkschaftsführer, die laut protestieren. Und ich weiß, dass es dieselben sind, die sich mit Alemán an einen Tisch setzen und kungeln und sogar bereit sind, unter dem Tisch die Gesetze zu unterstützen, mit der die Agrarreform rückgängig gemacht wird. Nach dem neuen Eigentumsgesetz zum Beispiel werden die Ländereien an sogenannte »Dritte« übergeben, die plötzlich alles, die Besitztitel etc., in Händen halten. In Nicaragua stoßen sehr vielfältige und mächtige wirtschaftliche Interessen aufeinander. Und die verdüstern das Panorama zusätzlich. Oft ist es schwer, die ökonomischen Interessen zu erkennen, die all dem zugrunde liegen. Es gibt große Umverteilungsprozesse.