Kommunalwahlen und andere Nachrichten
Kardinal Obando y Bravo war sich dann doch ein bisschen zu schade, dem von der PLC ins Rennen geschickten Bürgermeister-Kandidaten für Managua, Wilfredo Navarro, den begehrten Segen zu erteilen. Nicaraguas gutbeschürzter Oberhirte ging sogar noch ein Schrittchen weiter und bezeichnete das jüngst durch das FSLN-PLC-Kartell verabschiedete neue Wahlgesetz als »ungerecht«.Mitten im Vorwahlkampf um die Kommunalwahlen in Nicaragua am 5. November stellt sich also durch einen erlauchten Vertreter Gottes die Frage nach »Gerechtigkeit«. Da man dem Kardinal zwar erzschwarze Gesinnung, keineswegs aber mangelnde politische Weitsicht nachsagen kann, lässt sich dessen Urteilsspruch in etwa wie folgt deuten:
Die regierende liberale Partei unter dem autokratisch und dummdreist herrschenden Arnoldo Alemán verliert in der öffentlichen Meinung zunehmend an Unterstützung. Interne Streitigkeiten (die Fraktion der PLC im Parlament ist durch Austritt oder Rauswurf von 42 auf 28 Abgeordnete zusammengeschmolzen) und permanente Kritik nationaler und internationaler Organisationen am ungeschickten Führungsstil des Präsidenten lassen diesen nicht mehr als Garant für die Interessen der Bourgeoisie Nicaraguas erscheinen. Zeit, sich zu distanzieren und in Szene zu setzen.
Nehmen wir ein Beispiel. Da erzählte jüngst eine Psychologin in Nicaragua vom schizophrenen und paranoiden Geisteszustand des Señor Presidente. Eine Zeitung veröffentlicht die Diagnose, die einzig auf Analysen seines öffentlichen Auftretens basieren: pathologisch und gefährlich.
Nicht nur die gesamte Presselandschaft in Nicaragua nimmt diese Nachricht auf und bauscht sie auf, indem weitere ExpertInnenmeinungen eingeholt und Beurteilungen abgegeben werden. Auch die Politik bedankt sich für das neue Thema, stößt es hinein in den fetten Bauch interner Diskurse, wo es weiterschwillt und schließlich wieder hervorgeholt wird, zum Dokument gewandelt, öffentlich und normalisiert. Schließlich präsentiert man im Parlament eine (natürlich chancenlose) fraktionsübergreifende Petition zur Abberufung des Präsidenten.
Doch die Wogen des Aberwitzigen ziehen ja weiter, füllen die Seiten der linken alternativen Nachrichtendienste und Publikationen der Soligruppen. Dann lesen wir in Deutschland über Nicaragua, und Häufigkeit und Attraktion der Nachricht machen uns glauben, wir wüssten mit ihr nun mehr über das Land und seine Tagesgeschäfte als zuvor. Über was aber wird denn da eigentlich berichtet? Was ist Nachricht?
In allen drei Fällen - der sensationsheischenden Presse, dem Affentheater fetter Politikerfunktionäre und in gewisser Weise auch der solibewegten Publikationen - wurde ein Publikum unterhalten, bedient, reproduziert, stillgestellt.
Auf welche journalistische Ebene der Darstellung muss man sich begeben, um von Ereignissen und Verhältnissen in Nicaragua berichten zu können? Wie findet man den rechten Ort zwischen dem Versuch, über einzelne Nachrichten und Zustände aktuell und sachlich zu informieren und dem Drang nach analytisch-distanzierter, soziologischer Betrachtung - Hort, der zur Zuflucht wird bei allzu grotesker tagespolitischer estupidéz.
In Nicaragua ist der Kommunalwahlkampf voll entbrannt. Die beiden großen Parteien PLC und FSLN haben es geschafft, den Wahlkampf zu ihrer medialen Bühne zu machen, die Stimmung gleicht der bei Präsidentschaftswahlen. Lokale Themen oder Inhalte wie Dezentralisierung, Partizipation, etc. spielen praktisch keine Rolle. Der oberste Wahlrat, paritätisch von Vertretern von PLC und FSLN besetzt, hebelte im Vorfeld den Großteil der Parteien aus den Startlöchern, indem er ihnen die Zulassung versagte. Es ließe sich munter berichten über Proteste, Kandidaturen, Allianzen, Einflussnahmen, Spekulationen. Fest steht, dass durch das Ausschalten der Konkurrenz im Vorfeld Betrug oder Manipulationen am Wahltag praktisch nicht mehr notwendig sind, dass die beiden großen Parteien als Sieger im Grunde bereits feststehen, und vielleicht noch, dass die FSLN vor den Liberalen an Punkten mächtig hat gutmachen können.
Es ist eine alte Frage, ob Wahlen in einem fortschrittlichen Sinne überhaupt relevante Änderungen erwarten lassen dürfen. So, wie sich die Dinge zur Zeit in Nicaragua darstellen, ist genau davon aus der Distanz nichts auszumachen. Und so erlauben wir uns, uns fürs erste die journalistische Kleinarbeit zu ersparen und noch ein bisschen abzuwarten.
