Eine Szene aus der Praxis...

Ein großer Tisch – am Kopf der Tafel sitzt der Präsident des kleinen mittelamerikanischen Landes. Rechts und links von ihm haben die Vertreter und Vertreterinnen der Wirtschaft und anderer wichtiger gesellschaftlicher Gruppen Platz genommen. Es herrscht eine angespannte Stimmung und eine hitzige Debatte hat sich entwickelt: Die Vertreterin der Kleinbäuerlichen Notgemeinschaft haut mehrmals mit ihrer Hand auf den Tisch, um sich Gehör zu verschaffen: «Herr Präsident, Sie haben uns versprochen, das Kleinkreditprogramm umzusetzen. Wir brauchen dringend Hühner und Saatgut für die hungernden Familien. Die Großgrundbesitzer drängen uns, das Land zu verkaufen – aber ohne Arbeit stehen wir doch vor dem Nichts! Was ist jetzt mit dem Kredit?» Der Präsident hatte geahnt, dass die Reaktion der Kleinbäuerlichen Notgemeinschaft so ausfallen würde und verdreht die Augen. Seine Regierung hatte es versprochen, noch schlimmer – sie war mit dem Wahlversprechen gewählt worden, die Situation der Kleinbauern und -bäuerinnen zu verbessern. Doch plötzlich steckt das Land tief in der Krise und sowohl die nationale Agrarindustrie als auch die transnationalen Textilunternehmen haben Absatzprobleme und drohen mit Massenentlassungen, wenn sie keinen Steuererlass oder Subventionen bekommen. Schon drängt sich der Sprecher des Unternehmerverbandes zu Wort: «Das Kleinkreditprogramm könnt ihr doch nächstes Jahr noch umsetzen. Jetzt ist viel wichtiger, dass wir das Geld bekommen. Ich möchte betonen: Entweder wir bekommen Subventionen, oder wir schließen alle Fabriken und sind weg! Und dann guckt ihr blöd, weil wir die Näherinnen entlassen und alle Arbeiterinnen arbeitslos sind. So einfach ist das!». Der Redner spricht – rückt sich das Basecap zurecht und lehnt sich mit verschränkten Armen zurück. – «Auf gar keinen Fall!» ruft ihm die Vertreterin des Großgrundbesitzer_innenverbandes zur Rechten des Präsidenten entgegen und fuchtelt dabei mit den Händen in der Luft herum: «Wir zahlen doch keine Steuern dafür, dass die Regierung damit Transnationale Konzerne sponsert. Das machen wir nicht mit! Wir müssen die Produktion umstellen und zwar jetzt – und auch wir wissen nicht, ob wir die Erntehelferinnen und -helfer weiter beschäftigen.» Der gemütlich wirkende, etwas behäbige Präsident, ein großer Mann mit Kurzhaarschnitt und Sommerhemd, hört sich die verschiedenen Diskussionsbeiträge an und blickt sorgenvoll und ratlos in die Runde. Er hat einen riesigen Berg Probleme. Alle wollen Geld, doch die Staatskassen sind leer, an weitere Kredite ist nicht zu denken und die Geldrücküberweisungen aus dem Norden bleiben aus. Was kann also getan werden? Die Sprecherin der Gewerkschaft, die die Interessen der besitzlosen Tagelöhner_innen und Erntehelfer_innen verteidigt, droht jetzt auch noch mit Streik, sollten Arbeitsplätze verloren gehen… Der Präsident kommt zu dem Schluss, dass es noch zu früh für eine Entscheidung ist. «Wir sollten uns in den Gremien noch einmal beraten und sehen uns dann morgen wieder. Die Verhandlung ist hiermit geschlossen.» Die Gegenüber erheben sich und gehen – zurück in ihre Gruppen, wo sie nun ihre Strategie für die nächste Verhandlungsrunde festlegen werden.fokus_seminar1

Diese Szene spielte sich natürlich nicht im Präsidentenpalast in Managua oder Guatemala-Stadt ab, sondern im Juni 2010 im Klassenraum einer Handelsschulklasse in einem Berufskolleg in Wuppertal. Es fand nicht wie sonst Unterricht statt. Stattdessen hatten sich die 16 Schüler_innen und ihre Lehrerin dazu bereit erklärt, einen Praxistest für das Fokuscafé Lateinamerika durchzuführen. Die oben dargestellte Szene ist eine Momentaufnahme unseres Besuches: Wir spielten das Krisenplanspiel aus dem Modul Ökonomie – eine Simulation zu den Auswirkungen der Wirtschaftskrise in Mittelamerika.

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