"Ich bin das Schlimmste, was der Gruppe Pellas passieren kann"

Besuch im Protestcamp der Zuckerrohrarbeiter_innen

Es ist zu einem festen Bestandteil des Stadtbildes Managuas geworden: das Protestcamp der Zuckerrohrarbeiter_innen von Asociación Nicaragüense de Afectados por Insuficiencia Renal Crónica (ANAIRC). Seit vier Jahren besetzen sie einen Grünstreifen neben einer der Hauptverkehrsstraßen im Zentrum der Stadt. Sie kommen aus Chichigalpa im Norden Nicaraguas und arbeiteten dort für das Zuckerrohrunternehmen San Antonio von der Pellas-Gruppe – eine der reichsten Familien Nicaraguas. Auf Grund von Pestizid-Einsätzen und mangelnder Schutzkleidung erkranken viele Arbeiter_innen an Niereninsuffizienz (IRC). Auch ihre Familien sind betroffen, da das Grundwasser ebenfalls vergiftet ist.

Bislang sind 7992 Personen gestorben und weitere 7000 Personen leiden an der meist tödlich verlaufenden Krankheit. ANAIRC setzt sich für die Rechte der Betroffenen ein und fordert Entschädigungszahlungen von dem Unternehmen Pellas, die Zahlung der staatlichen Renten für die arbeitsunfähigen Arbeiter_innen sowie den Stopp des Einsatzes der gesundheitsschädlichen Pestizide auf den Plantagen. Freundlich werde ich empfangen als ich eines Morgens das Camp besuche, auch wenn mich niemand erwartet hat. Ich suche Carmen Ríos, die Gründerin und Sprecherin der Bewegung. Vor 2 Jahren luden das Nicaragua-Forum Heidelberg und das Infobüro sie nach Deutschland zu einer Rundreise ein, doch verloren danach den Kontakt zu ihr. Carmen ist in einer Sitzung und so unterhalte ich mich mit einigen der 30 Anwesenden. Vicente J. Palacio erzählt mir, dass die Bewegung noch aus 200 Personen besteht; früher waren sie fast doppelt so viele, aber es kam zu einer Spaltung, einige ließen sich kaufen. Nach einem Rotationsprinzip halten sie die Stellung im Protestcamp. Es sind viele alte Menschen, die in den Behelfsunterkünften aus schwarzen Planen wohnen, viele von ihnen sind selbst krank. Die meisten bekommen mittlerweile ihre staatliche Rente ausgezahlt: 50 Euro monatlich nach 250 Wochen Festanstellung – zum Überleben reicht das nicht.
Nach gut 2 Stunden kommt Carmen zurück und berichtet mir, dass die Verhandlungen um die seit 2009 bestehende Forderung nach Entschädigungszahlung erneut aufgenommen werden. Die Regierung hat sich als Vermittlung eingeschaltet, und zwar aufgrund der Hartnäckigkeit der Streikenden und der Unterstützung sozialer Bewegungen aus dem Ausland, sagt sie. Die Öffentlichkeitsarbeit während ihrer Rundreise und die Unterschriftensammlung für einen Importstopp von Agrosprit haben ihre Wirkung erzielt: ANAIRC wird von der nicaraguanischen Regierung ernst genommen, und der internationale Druck drängt die Regierung zum Handeln – trotz der guten Beziehungen der Familie Pellas zum Präsidenten Ortega.
Während ich den Tag im Camp in Managua verbringe, mit Carmen über die politischen Ereignisse der letzten Zeit rede und mir die traurigen Lebensgeschichten vieler Menschen im Camp anhöre, wird in Chichigalpa ein neues Krankenhaus mit dem Schwerpunkt auf Behandlung von IRC eröffnet. Die Pellas-Gruppe finanziert den Bau und die medizinische Ausstattung, das Gesundheitsministerium soll die laufenden Kosten übernehmen, doch bisher fehlt das Geld.
Eine Woche nach meinem Besuch kommt die Zusage, dass die Entschädigungen von Pellas in voller Höhe noch in diesem Jahr bezahlt werden sollen. Bleibt abzuwarten ob das eingehalten wird. „Der Kampf geht weiter!“ sagt Carmen, auch wenn die Erreichung einer ihrer Hauptforderungen näher denn je scheint. Sie geben nicht auf, bevor nicht der Einsatz der giftigen Pestizide gestoppt wird, der neben den Plantagen, das Grundwasser und die Flüsse verseucht und sich so bis zum nahe gelegenen Pazifik ausbreitet.
Neben den politischen Verhandlungen liegt ihr Fokus auf der Aufklärungsarbeit. Sie beraten Zuckerrohrarbeiter_innen im ganzen Land bezüglich ihrer Arbeitsrechte auf legale Anstellung, Sozialversicherung, Arbeitsschutz und Krankheitsvorsorge. Viele Unternehmen kündigen die Arbeiter_innen vor der 20sten Woche, um so die Zahlungen für die Sozialversicherung zu umgehen, und stellen die gleichen Leute wenig später wieder ein.
In sehr kleinen Schritten geht es voran, aber kämpferische und optimistische Menschen wie Carmen geben Hoffnung. Und so bleibt mir ihr lachender Kommentar im Ohr „Ich bin das Schlimmste, was der Pellas-Gruppe passieren kann!“.

***weitere Infos zu Agrosprit, E10, IRC, Landgrabbing und Einfluss der Bundesregierung: www.tank-und-tellerrand.net***

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