Zwei Monster und das Dreieck des Bösen

Interview-Reise der Brigade zum Thema Geschlechterverhältnisse

„Es ist nur ein wenig voran gegangen, aber wir kämpfen weiter.“ Klare Worte gleich zu Beginn der zweiwöchigen Interviewreise der Brigade mit Start in Matagalpa. Blanca Herrera González, die Koordinatorin von der Vereinigung  für integrale kommunale Entwicklung ADIC, fasste so die aktuelle politische Situation in Nicaragua anschaulich zusammen. „Wir haben zwei große Monster in Nicaragua, die uns festhalten – das Patriarchat und die Religion“, ergänzte Maria Teresa Castilblanco. Teresa sieht in diesen Monstern die Hauptfeinde gegen ihre jahrelange Arbeit für die Rechte und die Gleichberechtigung der Frauen. Das größte Problem der Frauen in Nicaragua sei die Gewalt, meint Blanca. Diese sei das Produkt des vorherrschenden Patriarchats und des Machismo. Und die Straflosigkeit der Täter ist weiterhin verbreitet.

Das Frauenkollektiv Matagalpa CMM will das ändern. In großen Lettern prangen Männernamen an der Wand ihres Zentrums im Stadtkern Matagalpas. Den Namen der Männer sind Verbrechen wie „Vergewaltiger“, „unverantwortlicher Vater“ oder „freigesprochener Frauenmörder“ beigefügt. Mit dieser „Mauer der öffentlichen Anprangerung“ will das Kollektiv mit der Straflosigkeit brechen und die Namen von nicht verurteilten Männern öffentlich machen. Beeindruckt über den Mut der betroffenen Frauen und die radikale Methode, staunen die Brigadistas.
Ein Großteil der Frauenbewegung sieht das im Januar 2012 verabschiedete Gesetz 779 zur Bekämpfung der Gewalt gegen Frauen zwar als Schritt vorwärts. Trotzdem: „Sie geben uns das Gesetz, aber es taugt nichts. Es ist  kein ausreichender Etat eingerichtet worden,“ erklärt die Koordinatorin vom Frauenkollektiv 8. März, Luz Marina  Tórrez Velasquez, der Brigade die widersprüchliche Geschlechter- und Familienpolitik des Präsidenten-Ehepaars.
CIPRES, das Zentrum für die Erforschung und soziale Entwicklung der ländlichen Regionen, ist eine wichtige Institution für viele Kooperativen im Land. CIPRES gibt in ihren Programmen Frauen die Priorität, sie arbeiten  jedoch gleichzeitig mit Männern. „Die Leute sagen, ´ja, gebt den Frauen Hühner, aber die Kuh? Das ist doch  Angelegenheit der Männer´“, erzählt die Präsidentin von CIPRES Irma Ortega Sequeira. „Wir befähigen Frauen  dazu, die Kühe zu impfen, und lehren Männer, Hühner zu halten“. Sie wollen erreichen, dass Männer die  Erziehungs- und Hausarbeit als gemeinsame Verantwortung begreifen.
Die Frauen vom Komitee der Landfrauen CMR in León sehen ebenfalls die Notwendigkeit, das Thema der Reproduktionsarbeit zu bearbeiten. Heute würden die Männer den Frauen vermehrt im Haushalt helfen, meint  Olga Maria Espinoza, aber zu oft werde das von den Männern immer noch als ein Gefallen angesehen. Fortschritte  konnten vor allem im öffentlichen Raum erzielt werden. Es ist viel mehr Arbeit im Privaten von Nöten. Diese Arbeit  übernehmen die erwähnten Organisationen mit ihren geringen finanziellen Mitteln, auch wenn es Aufgabe  des Staates sei die kommunale Entwicklung zu fördern, sagte Blanca. Dennoch: sie wollen mit ihrer Arbeit  diejenigen erreichen, die an den Programmen der Regierung nicht teilhaben. Andere Organisationen setzen ihren  Schwerpunkt auf die politische Einflussnahme. Janett Castillo von der Kommunalen Bewegung Matagalpa MCM  erklärt als Ziel, dass sie Menschen organisieren, damit diese für ihre Rechte einstehen und auf diesem Weg ihre  Lebenssituation verbessern.
Die Politik Ortegas brächte auf institutioneller Ebene einige Fortschritte. Grundsätzlich würden die Probleme jedoch nicht angegangen, weshalb die Institutionen ihre Wirkung oft nicht entfalten, kritisiert Janett. Außerdem  trage die Regierung zur Spaltung der feministischen Bewegung bei.
Diana Martinez, Gründerin der Fundation zwischen Frauen FEM teilt die in der Frauenbewegung verbreitete kritische Haltung gegenüber der Regierung, die auf ihren rosa Wahlplakaten mit den Slogan „Christlich, Sozialistisch, Solidarisch!“ wirbt. Die FEM ist ein seit 1996 existierender Zusammenschluss von rund 250 Kleinproduzentinnen in sechs Kooperativen in der Region um Estelí. Im Frühjahr diesen Jahres hat die FEM die „Abteilung für Maskulinität“ ins Leben gerufen, um im Kampf gegen das Patriarchat und den Machismo gemeinsam mit Männern eine neue Männlichkeit zu konstruieren.
Sehen die Frauen bei ADIC zwei Monster in Nicaragua am Werk, so identifizieren die Frauen von FEM ihrer drei: die Kirche, den Staat und die Ehemänner, dies sei das „Dreieck des Bösen“. Dagegen setzen die Frauen ihren Kampf. „Wir spürten, dass wir mit den Füßen nicht voran kamen, bis wir entdeckt haben, dass wir Flügel haben und  versucht haben, sie zu öffnen“, erklärt Diana. Der Brigade bleibt eindrücklich, wie die verschiedenen  Organisationen vom Willen und der Tatkraft, die Bedingungen emanzipatorisch zu verändern, geeint werden. „Wir  haben die Sterne nicht erobert, aber wir sind auf dem Weg“, meinte Irma.

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