"Wir bauen an einem Traum"

- 5 Jahre ADINJA

Die Basisorganisation für Kinder und Jugendliche ADINJA (Asociación para el Desarrollo Integral para la Niñez y la Adolescencia) wurde im Frühjahr 2008 von Jugendlichen aus 24 Dörfern der Gemeinden Camoapa und Boaco (Bezirk Boaco)1 gegründet. Die Gründungsmitglieder haben damals an einem Projekt der spanischen Nichtregierungsorganisation (NRO) Ayuda en Accion teilgenommen und waren empört über deren hegemoniale Strukturen, weshalb sie sich zusammengeschlossen und eine eigene Basisbewegung gegründet haben. Der Theaterdramaturg, Gerardo del Socorro Molinares, hatte das paternalistische Verhalten der NRO mit verfolgt und die Jugendlichen gefragt, ob sie nicht bei einem seiner Jugendtheaterstücke mitspielen möchten. So kamen die Mitglieder das erste Mal in Kontakt mit dem Theater und nutzten das neue Wissen für die Gründung von ADINJA.

 

Die Basisorganisation verwendet vor allem das Theater als Werkzeug der populären Bildung. In den kostenlosen Theateraufführungen nutzt ADINJA eine typisch ländliche Alltagssprache und arbeitet lokale Realitäten (Machtverhältnisse, Unterdrückungsmechanismen) auf bzw. reflektiert diese und erprobt Veränderungen. Ziel ist es, den ZuschauerInnen politische Informationen mitzugeben, zu denen sie ansonsten wenig Zugang hätten, zweitens, einen Raum zu öffnen, in dem andere Perspektiven und mögliche Reaktionen betrachtet werden können und drittens, einen Dialog zwischen AkteurInnen und ZuschauerInnen einzuleiten. Information über glokale Probleme, d.h. Probleme die aufgrund von Wechselwirkungen zwischen globalen und lokalen Entscheidungen oder Handlungen entstanden sind, stellen die Basis ihrer Theaterstücke dar. Neben dem Theater setzt ADINJA andere Instrumente ein, wie z.B. Demonstrationen, selbst komponierte Musik, Weiterbildungsmaßnahmen oder selbst geschriebene Gedichte. ADINJA verfolgt neben der politischen Arbeit das große Ziel, die Mitglieder so zu stärken und zu unterstützen, dass alle gleichberechtigt an der Entwicklung der Jugendorganisation teilhaben können. Dazu gehört neben Lese- und Schreibgruppen, auch ein eigens verfasster Genderplan.

ADINJA wurde in den letzten fünf Jahren ihres Bestehens immer wieder von anderen Organisationen unterstützt. Besonders profitierte die Jugendorganisation von der Landlosenbewegung Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra(MST) aus Brasilien. Zwei Mitglieder konnten für drei bzw. sechs Monate, finanziert mit einem  Vollzeitstipendium vom MST, an der Popular University of Social Movements in Brasilien kritische politische Theorie Lateinamerikas tudieren. Die Idee von MST ist es dabei, Mitglieder von sozialen Bewegungen - vor allem aus dem ländlichen Bereich Lateinamerikas - zusammenzubringen und ihnen neben den inhaltlichen Seminaren über lokale Entwicklung, Bürgerbeteiligung oder gesellschaftliche Naturverhältnisse, auch Raum zur gemeinsamen Reflektion  (post)kolonialer Strukturen zu ermöglichen. Durch die finanzielle Unterstützung des nicaraguanischen Filmkunstvereins Asociación Cinematográfica de Nicaragua konnte ADINJA zwei Theaterstücke im Theater „Ruben Dario“ (2008 und 2009) in Managua aufführen: Das Stück „Paraiso Perdido“ (Verlorenes Paradies), das Umweltprobleme aus der Perspektive von Macht- und Geschlechterverhältnissen darstellt und „Funerales en el Porvenir“ (Bestattung in der Zukunft), das Problematiken innerhalb von Genossenschaften und dabei vor allem die vertikalen Führungsstrukturen und die Konformität der Bauernschaft aufzeigt. Das zuletzt genannte Theaterstückkonnte ADINJA außerdem in Genossenschaften in Guatemala, El Salvador, Honduras und weiteren Bezirken Nicaraguas aufführen und sich dabei mit anderen Basisorganisationen und Genossenschaften über derenErfahrungen und Kämpfe austauschen. Diese Vernetzung mit transnationalen Bewegungsorganisationen eröffnet ein gegenseitiges Lernen, neue Impulse und eine Plattform für die transnationale Kritik an den sozial-ökologischen Ungerechtigkeiten.

Ein aktuelles Beispiel, das den Mehrwert der Vernetzung sehr gut illustrieren kann, sind Goldminen. In der Gemeinde Camoapa wird eine Goldmine geplant und ADINJA engagiert sich dagegen und zeigt – in ihren Netzwerken und durch (neue) Medien (Internet, Radio, etc.) – welche lokalen Auswirkungen globale Entscheidungen haben können. Über Fotos von z.B. Goldminen in Honduras, die sie selbst bei Besuchen fotografiert oder über ihre transnationalen Netzwerke erhalten haben, können sie Realitäten an anderen Orten präsentieren und lokale Probleme zu einem globalen Problem machen sowie Bezug auf Machtverhältnisse und hegemoniale Strukturen nehmen. ADINJA ermöglicht den ländlichen BewohnerInnen einen Informationszugang, der ihnen auch andere Realitäten aufzeigt und lokale Probleme anhand globaler Zusammenhänge erklärt.

Wie beinahe jede Organisation stößt auch ADINJA immer wieder an Grenzen: So positiv die Theateraufführungen von unterschiedlichen Akteuren über bundesweite Förderungen oder Auszeichnungen bewertet wurden, so  wenig werden sie sozio-kulturell von der FSLN unterstützt. Die Mitglieder sind finanziell und zeitlich in ihrem Handeln eingeschränkt und da sie selbst für ihr familiäres und eigenes (Über)leben aufkommen müssen, können sie nur einen Bruchteil der BewohnerInnen erreichen, die sie mobilisieren möchten. Und obwohl die Mehrheit der Mitglieder von ADINJA ursprünglich aus Dörfern kommt, sind inzwischen einige nach Camoapa oder Boaco migriert, weshalb eine Aufführung der gesamten Theatergruppe in den Dörfern mit hohen Fahrtkosten verbunden ist. Daher finden die meisten Aktionen – im Gegensatz zu ihrem eigentlichen Vorhaben, vor allem die ländlichen BewohnerInnen zu informieren und zu mobilisieren – im urbanen Raum statt. Ein weiteres Problem stellt die Migration nach Managua oder die internationale Migration nach bspw. Costa Rica oder in die USA dar, weshalb die Organisation ADINJA viele Mitglieder verabschieden musste. Aber der Traum von ADINJA geht weiter.

Von Juan Gabriel Gonzalez Sevilla,
Übersetzung Lisa Waegerle

1 Im Folgenden wird der Begriff Bezirk synonym für departamento, der Begriff Gemeinde synonym für municipio und der Begriff Dorf synonym für comarca verwendet.

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