"Was die Freiheit für die Zapatistas ist"

Die "Kleine Zapatistische Schule"

Am 21.12.2012, als die Medien den angeblich durch den „Maya-Kalender“ angekündigten „Weltuntergang“ ausschlachteten, überraschten uns die Zapatistas: An diesem Beginn eines neuen Kalender-Zyklus der indigenen  Gesellschaften Mittelamerikas besetzten fast 50.000 vor allem junge Zapatistas in völliger Stille die zentralen Plätze von fünf Provinzhauptstädten in Mexikos südlichstem Bundesstaat Chiapas – jene Städte, die die Guerilla-Truppen der indigenen sozialen Bewegung bei ihrem bewaffneten Aufstand 19 Jahre zuvor schon einmal kurzzeitig eingenommen hatten.

Einige Monate später präsentierten sie ihr Vorhaben der „Kleinen Zapatistischen Schule“ – eine logistische Meisterleistung: Sie luden Aktivist_innen aus Mexiko und der ganzen Welt ein, im August eine Woche lang in ihren Gemeinden ihre politische Praxis und ihre Lebensweise kennenzulernen. Wer nicht nach Chiapas kommen konnte, hatte die Möglichkeit per Live-Übertragung teilzunehmen. 1.500 Menschen folgten der Einladung, etwa ebenso viele verfolgten die Live-Videos per Internet. Auch zwei aus dem Infobüro nahmen teil: Einer in Chiapas, der  andere in Madrid, wo er gemeinsam mit spanischen Aktivist_innen die Übertragung verfolgte.

 

Die täglichen Übertragungen dauerten jeweils etwa vier Stunden. Ein Team aus sechs Zapatistas berichtete über ihre Praxis und ihre Ideen dahinter, sie analysierten, gaben Beispiele, nannten Probleme. Anschließend  beantworteten sie Fragen, die ihnen die Zuschauer_innen per Chat gestellt hatten. In einfachen und klaren Worten erklärten sie, wie die basisdemokratische Selbstverwaltung in ihren über 1.000 Gemeinden funktioniert und auf drei Verwaltungsebenen (Gemeinde, Landkreis, Region) praktiziert wird. Die unbezahlten Delegierten rotieren, sie sind an die Weisungen der Gemeinde-Vollversammlung gebunden und können jederzeit von diesen abgesetzt werden. Ihr Schulsystem wurde ebenso dargestellt wie die eigene Gesundheitsversorgung. Ihre Vorstellungen von Gerechtigkeit erklärten sie an konkreten Beispielen aus ihrer autonomen Rechtsprechung. Sie berichteten vom Kampf der zapatistischen Frauen, die ihre Emanzipation auch innerhalb der Bewegung erst erkämpfen müssen. „Dazu müssen vor allem die Männer sich ändern und auch die Aufgaben der Frauen übernehmen“, sagte einer der Männer des paritätisch besetzten Teams. Ebenso klug und verständlich analysierten sie ihre Gegner, die mexikanische Regierung und das kapitalistische System, und die Gründe, warum sie diese ablehnen und es anders machen. So entstand nach und nach ein breites Panorama, das deutlich machte, wie  weit die Zapatistas in den letzten 20 Jahren mit ihrer auf Gleichberechtigung und Solidarität basierenden Alternative gekommen sind.

Wesentlich beeindruckender als die Video-Übertragung war natürlich, diese Alternative in den Gemeinden selbst mitzuerleben. Nach einem Tag in den fünf Haupt-Verwaltungssitzen der Bewegung, an dem ähnliche Inhalte wie bei den Video-Übertragungen vermittelt wurden, wurde allen Teilnehmer_innen je ein_e Zapatista zur Seite gestellt, mit denen sie in deren Gemeinde aufbrachen und dort für den Rest der Woche lebten. Die jeweiligen Erfahrungen waren daher natürlich sehr unterschiedlich. Aber durch den persönlichen Austausch, die Teilnahme am täglichen Leben der Familien und Gemeinden, an den Versammlungen und Festen, erhielten alle Teilnehmer_innen praktischen Unterricht darin, „Was die Freiheit für die Zapatistas ist“ – wie der Titel dieses Kurses der „Kleinen Schule“ sehr treffend lautete.

Die zumeist urbanen Aktivist_innen, die mit unserem Mitstreiter in einer Gemeinde in der Region von La Garrucha waren, arbeiteten etwa bei der Maisernte ihrer Gastfamilien mit. Sie erhielten eine Machete, die Familienmitglieder machten kurz vor, wie es geht, und dann sollten die „Schüler_innen“ es durch Probieren und eigene Erfahrungen lernen. Irgendwann fragte einer der Zapatistas: „Und, wie gefällt dir die Freiheit, in der wir leben?“ – eine sehr tiefgründige Frage. Denn durch diese Art des Lernens, durch Ausprobieren und Erfahrungen sammeln, leben und  entwickeln die Zapatistas erst ihre Freiheit. Des Weiteren wurde durch die Feldarbeit klar, dass der zapatistische Schlachtruf „Land und Freiheit“ nicht einfach ein Spruch sondern die gelebte Wahrheit der Zapatistas ist.
Ohne ihre Ländereien, gäbe es für sie auch keine Freiheit. Das Land eroberten sie bei ihrem Aufstand 1994 von den Großgrundbesitzer_innen zurück, welche es ihren Vorfahren geraubt hatten und für die zuvor viele von ihnen für sehr niedrige Löhne und unter entwürdigenden Bedingungen arbeiten mussten. Seit dem Aufstand bearbeitet jede Familie ein Feld und kann sich nun selbst versorgen. Es gibt außerdem Gemeindefelder, sowie Kollektivprojekte wie Viehzucht, Kleidungsproduktion oder Kunsthandwerk. Die Einnahmen nutzen die Gemeinden zum Infrastrukturausbau, wie etwa für die Schule oder die Gesundheitsstation.
Durch gemeinsame Arbeit in den Projekten entsteht das Gefühl von Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit. Dieses konnten unser Mitstreiter und die anderen Gäste in dieser Gemeinde erfahren, als sie mit allen Dorfbewohner_innen das Gemeindefeld von Unkraut befreiten. Dabei war es nicht nur wichtig, dass die Arbeit erledigt wurde, sondern, dass dies gemeinsam geschah. So wurde die Bedeutung des Kollektiven eine Wirklichkeit, die alle gemeinsam machten.

Praktisch erfahren mussten die „Schüler_innen“ auch, dass die Zapatistas aufgrund ihrer Freiheit genug Zeit haben, regelmäßig Fußball zu spielen – und so verlor die international besetzte Auswahl glatt mit 2 zu 12 gegen die weit überlegene Dorfauswahl.

Nach einer Woche Unterricht stand die Prüfung an. Diese, so ein kurz vor Beginn der „Kleinen Schule“ veröffentlichtes Comunicado, „ist die schwierigste, die ihr euch vorstellen könnt. Sie besteht nicht aus einer Klausur, einer Abschlussarbeit, einem Multiple-Choice-Test, es wird … keine Prüfungsvorsitzenden mit Universitätstiteln geben. Die Prüfung wird eure eigene Realität vornehmen, … euer Prüfungsvorsitzender wird ein Spiegel sein. Dort werdet ihr sehen, ob ihr die einzige Frage des Abschluss-Examens beantworten könnt: Was ist die Freiheit für dich?“

Rund um den 20. Jahrestag ihres Aufstandes am 1.1.2014 laden die Zapatistas zu zwei weiteren Durchgängen ihrer „Kleinen Schule“ ein. Wenn ihr hingeht, geht mit Lust zu lernen, zuzuhören und zu fragen und habt das Herz an der richtigen Stelle, um die Freiheit einzuatmen – eine, wie wir selbst erleben durften, wundervolle und inspirierende Erfahrung.

Zusätzliche Informationen