Rundschreiben 2014 - editorial

Liebe Freund_innen und Genoss_innen,

am Ende des 1. Tun des 13. Baktun* wird deutlich, was die Zapatistas bei ihrer spektakulären Großmobilisierung am 21.12.2012, dem Beginn dieser neuen Ära, verkündeten: „Könnt ihr das hören? Es ist der Klang ihrer Welt, die zusammenbricht. Es ist die unsere, die wiederkehrt.”

Krise, Krise und noch mehr Krise; Repression, Repression und noch mehr Repression.... (hört ihr den Anfang?). Nur scheinbar zerreißen die Allianzen derer da oben. Doch wie immer ist es eine Lüge, der Wechselkurs von oben. Belogen werden die, die sie angeblich schützen wollen.

 

Die Welt von oben ist eindeutig im Niedergang begriffen, gerät ins Straucheln. Sie wird bloßgestellt von einem reumütigen Spion, einem Menschen mit Moral oder vielleicht einem verrückten Egozentriker. Das spielt letztlich keine Rolle – wichtig ist vielmehr, zu sehen, wie die Maske fällt, und wie die Vertreter_innen von Oligarchie und Regierungen in Europa sich schwer empört aufführen, und doch nicht den kleinsten Versuch unternehmen, um diejenigen zu verteidigen, die sie angeblich vor dem Zugriff der NSA schützen wollen. So brechen sie in imperialistischer Manier internationale Abkommen zum Schaden des Selbstbestimmungsrechts und der Freiheit der Menschen. Mit dieser für die Oligarchie und die Regierungspolitiker_innen charakteristischen Doppelmoral tun sie nun besorgt, weil ihre US-amerikanischen Kolleg_innen nicht nur Hinz und Kunz, sondern auch noch sie selbst ausspähten. Jetzt schreien sie aus voller Kehle: Was ist los, waren wir nicht Freunde? Dabei sind die europäischen Geheimdienste ebenso versessen auf diese Daten, arbeiten aufs Engste mit den US-Diensten zusammen und träumen von der Totalerfassung aller Menschen - denn in dieser Welt ist jede_r verdächtig.

Entlarvend und verräterisch ist ihr Handeln, wenn sie die wirtschaftlichen Daumenschrauben anziehen gegen die Bevölkerung, die sie behaupten zu repräsentieren. Sie berauben die Menschen mit ihren Austeritätsprogrammen, versuchen, die Gemeingüter zu privatisieren, und fördern energiefressende Großunternehmen unter dem Vorwand der hohen Kosten für erneuerbaren Energien, auf dass die Unternehmen bloß nicht ins „Ausland“ gehen – die alte Melodie also, wie die Menschen von unten gegeneinander ausgespielt werden. Mit all dem versucht die Welt von oben, sich an irgendetwas fest zu klammern, und zerstört dabei alles, was allen gehört.

Währenddessen halten wir die Stellung in unserem kleinen Graben, unserem Infobüro, immer in Verbindung zu den Anderen, die wir sind. So lauschen wir, suchen und geben die Andere Information. Mit unseren begrenzten Möglichkeiten setzen wir die Solidarität mit den verschiedenen Kämpfen fort, mit denen wir uns verbunden fühlen, während wir gleichermaßen von den Kämpfenden Solidarität erfahren. Daran also arbeiten wir bis heute, über all die Jahre hinweg seit den Anfängen des Büros, und hoffen, dass wir zusammen mit euch weiter an dieser weltweiten Solidarität weben werden. Und dass wir diese andere Welt aufbauen werden, die möglich ist.

In diesem 1. Tun haben wir, wie immer, den verschiedenen Ereignissen und Bewegungen um uns herum große Aufmerksamkeit gewidmet:
Mit Interesse und manchmal mit Sorge betrachten wir die verschiedenen sozialen Bewegungen und Prozesse in Lateinamerika und Deutschland. Wir beobachten den Widerstand und die Würde der Mapuche angesichts der Angriffe des chilenischen Staates, der sie kriminalisiert, verfolgt, unterdrückt und umbringt, um ihnen ihr Land zu entreißen und es dem Großkapital zu überlassen (mehr Infos dazu auf unserer Website). Dabei ist es egal, welches Parteienspektrum gerade an der Macht ist: Die Repression ist permanent da, und zwar nicht nur gegen die Mapuche, sondern gegen alle, die dort für ein Leben in Würde protestieren. So wie bei den Bildungsprotesten der chilenischen Oberstufenschüler_innen und Studierenden, die uns mit ihrem Kampf für ein öffentliches und kostenfreies Bildungssystem für alle eine Lektion in Zivilcourage gegeben haben.
Es macht uns wütend, wie die institutionelle regierende Linke in Brasilien beschlossen hat, die FIFA und ihre WM auf dem Rücken der Bevölkerung zu subventionieren, und damit Proteste entfesselt hat, die sie wiederum mit brutaler Repression beantworten und damit die soziale Kämpfe kriminalisieren. Gleichermaßen empörend ist, wie  die FSLN-Regierung in Nicaragua der Bevölkerung die kalte Schulter zeigt. In diesem Jahr bestand der Verrat in dem geplanten Projekt des interozeanischen Kanals (mehr dazu auf unserer Website). Dieses Projekt bedeutet für die Nicaraguaner_innen, dass ihnen ihr Land und ihr Wasser weggenommen werden. Nun soll auch noch eine neue Verfassung, wiederum in Höchstgeschwindigkeit und bar jeder Transparenz und Mitbestimmung, durchgepeitscht werden, die die Führungsrolle Ortega-Murillos in Nicaragua zementieren soll.

Die Rücksichtslosigkeit  gegenüber der eigenen Bevölkerung ist nichts Neues in Nicaragua, egal unter welcher Regierung. Der Landraub an den Bauern und Bäuerinnen findet seit langem schon im Namen des Fortschritts statt, z.B. im Wettlauf um die Produktion von Agrokraftstoffen für den europäischen Markt. Zu diesem Thema haben wir im letzten Jahr intensiv gearbeitet und bemühen uns derzeit, zur Unterstützung der von Umweltschäden und Landgrabbing Betroffenen unseren Rechtshilfefonds zu reaktivieren. Zu den Hintergründen haben wir alle Bundestagsparteien befragt und eine Beilage zur taz erstellt. Zusammen mit weiteren aktuellen Materialien nachzulesen auf unserer Themen-Website: tank-und-tellerrand.net

Indem wir unsere Genoss_innen in Nicaragua begleiten und ihnen zuhören, haben wir einiges über deren Kämpfe gelernt: Etwa den der Gruppe ADINJA (Asociación para el Desarrollo Integral para la Niñez y la Adolescencia), die Jugendumweltbildung mit Mitteln des Theaters der Unterdrückten macht, oder den langen Kampf unserer  Partnerorganisation ANAIRC, der Selbstorganisation der Nierenerkrankten aufgrund von Pestizideinsatz (Asociación Nicaragüense de Afectados por Insuficiencia Renal Crónica). Wir freuen uns, beide Organisationen in diesem Rundschreiben vorstellen zu dürfen. Außerdem bieten wir euch einen Bericht über die Nicaragua-Solidaritätsbrigade in diesem Sommer, die wir zusammen mit dem Ökumenischen Büro organisierten.

Solidarität war und ist all diese Jahre über unser Motor. In diesem Sinne gab es auch im letzten Jahr eine Reihe Diskussionen darüber, wie Solidarität gelebt wird und was ihre Perspektiven sind. Gewissermaßen als Fortsetzung der Nicaragua-Solidariätskonferenz haben wir uns im April 2013 an der Tagung Cross_Solidarity beteiligt und mit transnationalen Recht-auf-Stadt-Bewegungen, Fluchthilfe-Netzwerken und internationalistisch organisierten Basisgewerkschaften diskutiert. Aus diesen Diskussionen heraus haben wir unsere nahua-script-Reihe um das Heft „Solidarität heute und morgen – Perspektiven gegenseitiger Unterstützung“ erweitert.
Es ist erstaunlich, wie auf der ganzen Welt mit einer seltsamen Parallelität dieselben Dinge geschehen; die Repression ist stets dieselbe, unabhängig von Landesgrenzen und Nationalstaaten, und nicht einmal die politische Richtung der Regierungspartei spielt eine Rolle. Die neoliberalen Politiken des Raubtierkapitalismus sind überall dieselben. Doch auch die Widerstände spiegeln sich international wieder. Beispielsweise berichten wir hier über die Bewegung der Hüttenbewohner_innen, Abahlali Base‘mDjolo in Südafrika, die nicht nur ihren eigenen Kampf kämpfen, sondern zugleich so weit entfernte Wirklichkeiten wie die im Südosten Mexikos wahrnehmen, und ihre Solidarität mit den Zapatistas von San Marcos Aviles erklären, die von Paramilitärs angegriffen worden sind.

Auch in Mexiko tobt Tag für Tag die Repression seit der mexikanische Staat vor über 7 Jahren den sogenannten ‚Krieg gegen den Drogenhandel‘ ausgerufen hat und damit angeblich der organisierten Kriminalität den Krieg erklärt hat. Diese jedoch ist eng mit den offiziellen Politiker_innen verbunden. So scheint dieser Krieg eher ein Krieg gegen die eigene Bevölkerung zu sein mit immer mehr Menschen, die vom Verschwinden-Lassen durch staatliche Akteure betroffen sind. Diese Repressionsmethode nutzt der mexikanische Staat, um soziale Bewegungen zu zerschlagen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu zerstören und neoliberale Großprojekte durchzusetzen. Um diesem Treiben etwas entgegenzusetzen, haben wir zusammen mit unseren Freund_innen von ¡Alerta! aus Düsseldorf Spenden für die zweite Auflage des Rechtshilfe-Handbuches „Was tun im Falle des Verschwinden-Lassens?“ gesammelt und diese aus unserem Rechtshilfefond aufgestockt. Über das Handbuch und die Situation in Mexiko sprachen wir mit Antonio von der Menschenrechtsorganisation Comité Cerezo, wie ihr in diesem Heft nachlesen könnt.

Glücklicherweise ist Solidarität keine Einbahnstraße, und so haben die Zapatistas 1.500 Aktivist_innen aus Mexiko und der ganzen Welt eingeladen, im Sommer 2013 an dem Kurs „Was die Freiheit für die Zapatistas ist“ teilzunehmen. Unser Büro hatte das Glück, dass direkt zwei unserer Genoss_innen an dieser „Kleinen Zapatistischen Schule“ teilnehmen konnten. Einer aus der Ferne in Madrid, der andere aus der Nähe in Chiapas. Nun ist es an den Genoss_innen, uns zu berichten was sie gelernt haben, und sie werden euch in diesem Rundschreiben ein wenig erzählen, wie es ihnen ergangen ist.

Was unsere Arbeit in Deutschland angeht, so besteht diese weiterhin viel aus Bildungsarbeit zur Förderung von Denkanstößen und Ideen für den Aufbau jener anderen Welt. Mit dem Projekt „Otros Mundos“ gaben wir über 50 Workshops an Schulen und mit Jugendgruppen zu Themen rund um Lateinamerikas Gesellschaften und ihre globalen Zusammenhänge. Dazu kamen Seminare, in denen wir überall in Deutschland Menschen, die in der Bildungsarbeit aktiv sind, unsere Methoden und Inhalte vermittelten. In einem neuen Bildungslabor entwickeln wir gerade Methoden zum Thema „Menschenrechte in Lateinamerika“ - d.h. wie diese Rechte überall in Lateinamerika von sozialen Bewegungen erkämpft und verteidigt werden. Das Themenheft dazu erscheint im Frühjahr 2014. Unser vergriffenes Werkheft-Set Fokuscafé Lateinamerika ist jetzt online wieder verfügbar.
Leider ist es so, dass im Zyklus eines Tun die Berichte länger und die Themen größer sind als der Platz, den wir dafür haben... so dass uns nur bleibt, euch für weitere Infos zu unserer Bildungsarbeit auf unsere Website zu verweisen.
Zum Schluss möchten wir euch einladen, im Sommer diesen Jahres die ‚Karawane für das Gute Leben und die  Widerstände‘ durch Mexikos Süden und Zentralamerika zu unterstützen. Vielleicht wollt ihr ja sogar mitfahren. Weitere Informationen dazu gibt es – ja, genau! - auf unserer Webseite.
Noch festlegen werden wir die Termine einer neuen Baustelle für das Jahr 2014, die sowohl dem Erinnern als auch dem Blick nach Vorne gewidmet sein wird:
35 Jahre nach der Sandinistischen Revolution und 30 Jahre nach den ersten Solidaritäts-Brigaden nach Nicaragua planen wir in Wuppertal eine Ausstellung und Veranstaltungsreihe mit Plakaten, die ihr auch im Plakatebuch „Die Revolution ist ein Buch und ein freier Mensch“ sehen könnt.

Damit schließen wir mit solidarischen und herzlichen Grüßen, zufrieden darüber, unsere Wege mit euch gemeinsam zu gehen.
Wir wünschen uns und euch, weiterhin Solidarität zu erfahren und zu verteilen beim Aufbau jener anderen Welt,  die möglich ist.

Viel Freude beim Lesen!
Euer Informationsbüro Nicaragua, im November 2013
Alexandra, Alfredo, Dietrich, Inken, Karina, Klaus, Kristofer, Laura, Lisa, Livia, Magdalena, Maren, Martin, Quint, Sonja, Ulla

*Tun (360 Tage) und Baktun (400 ‚Tun‘-Zyklen) sind Zyklen in der langen Zählung des Kalenders, der fälschlicherweise oft als „Maya-Kalender“ bezeichnet wird, aber der Kalender vieler indigener Gesellschaften Mittelamerikas war und ist.

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