Das Infobüro in den 80ger Jahren

Ein Beitrag von Barbara Lucas

Ich freue mich, heute hier zu sein und mit euch zu diskutieren und zu feiern. Ich möchte denen ganz herzlich danken, die diesen Tag vorbereitet haben und denen, die in den letzten Jahren das Infobüro getragen, verändert und weiterentwickelt haben.

In meinem Beitrag möchte ich meine persönlichen Erinnerungen an das Infobüro in den 80er Jahren verbinden mit einer Analyse des Politikverständnisses, der Arbeitsweise und der Aktionsformen des Büros und der damals recht großen Solidaritätsbewegung mit zwischenzeitlich 300 lokalen Solidaritätskomitees.

Als ich 1982 zum Infobüro kam, lagen der Volksaufstand und der Sturz der Somozadiktatur schon drei Jahre zurück, der Bruch zwischen Sandinisten und bürgerlichen Kräften in der Regierungsjunta war bereits vollzogen, die Contra hatte sich formiert. Die Alphabetisierungskampagne und die Gesundheitskampagnen hatten viele Menschen mobilisiert, viele Jugendliche aus der Stadt waren zum ersten Mal auf dem Land gewesen. In der BRD waren viele linke und fortschrittliche Menschen begeistert von den Zielen der Revolution, der Basisnähe der Mobilisierungen und der Ausstrahlung ihrer Repräsentanten.

Ich war 1980 von Solingen nach Wuppertal gezogen, studierte an der Pädagogischen Hochschule Englisch und Geschichte für Sekundarstufe II und hatte zwei kleine Töchter. In Solingen hatte ich 1973 ein Chile Solidaritätskomitee mitgegründet und in Solidaritätsgruppen für die Befreiungsbewegungen in Vietnam, Zimbabwe und Mozambique mitgearbeitet. Aber der Volksaufstand der Sandinisten war mir näher, dort schienen meine Träume von Menschen mit schwarz-roten Halstüchern in die Tat umgesetzt zu werden.

Das ethische und moralische Projekt der sandinstischen Revolution entsprach weitgehend den Idealen der Linken hier und es war weitaus einfacher, sich damit zu solidarisieren als mit anderen Befreiungsbewegungen im Trikont. Zudem war es ein Hoffnungsschimmer in Lateinamerika nach Jahren der brutalen Zerschlagung der Linken in Chile, Argentinien und Uruguay.

Ich suchte in Wuppertal nach einer Möglichkeit, politisch aktiv zu werden, kam oft in den Dritte-Welt und Kinderbuchladen in der Friedrichstraße, in dessen Hinterzimmer sich damals das Infobüro befand, genauer gesagt an zwei Schreibtischen zwischen und hinter den letzten Bücherregalen. Uwe sprach mich dann eines Tages an und so begann ich zunächst ehrenamtlich später viele Jahre hauptamtlich dort zu arbeiten. Mein Studium brach ich ab, es gab einen Einstellungsstop für Lehrerinnen und zudem den Radikalenerlass, sodass mir eine Zukunft als Lehrerin höchst unrealistisch erschien. Es war eher der Moment, die Welt zu verändern als sich um eine Berufsausbildung zu kümmern.

Die Arbeit im Infobüro war in dieser Zeit vor allem Informationsvermittlung gegen die zunehmenden Desinformationskampagnen der US-Regierung. Wie so etwas funktioniert haben wir ja jetzt am letzten Irakkrieg deutlich erlebt. Paco Ignacio Taibo hat damals einen wunderbaren Roman u.a. über Desinformation geschrieben, der auch ins Deutsche übersetzt wurde "Cuatro Manos", ich weiß nicht wie der deutsche Titel lautet.

Mit der Herausgabe der Nicaragua Nachrichten und später des "Envio" sowie mit Pressearbeit, der Gründung der Edition Nahua, Journalistenbetreuung, Veranstaltungen und Delegationen versuchten wir einen Gegendiskurs zum herrschenden Diskurs zu verankern und so der ideologischen Interventionsvorbereitung den Boden zu entziehen. Der Staatsterrorismus der USA wurde angeklagt wie zum Beispiel die Verminung des Hafens von Corinto und die Contrafinanzierung durch den US-Kongress. Mit dem "Envio" verbreiteten wir Analysen aus nicaraguanischen Sicht, durchaus auch kritisch gegenüber der sandinistischen Regierung. In der Edition Nahua erschienen zahlreiche Bücher und Broschüren zum einen als Aktionsmaterialien zum anderen als wissenschaftliche Analysen.

Aber Informationsbeschaffung war vor 25 Jahren etwas anderes als in den Zeiten des Internet.

Wir hatten damals ein Telexgerät, das jeden Morgen meterweise Lochstreifen ausgespuckt hatte mit den nächtlichen Nachrichten aus Nicaragua. Der Envio wurde parallel zur spanischen Herausgabe in Nicaragua übersetzt und dann per Kurier nach Wuppertal verschickt. Berichte nach Nicaragua gingen auch per Kurier. Jede Nicaraguareisende war angehalten, sich im Infobüro zu melden, damit Post mitgegeben werden konnte. An der Wand im Telefon- und Empfangszimmer hing immer ein Zettel mit den Adressen der nächsten Reisenden und in Managua wurde jede Maschine von den dortigen Postverteilern erwartet. Später als Gaby Gottwald aus dem Komitee Münster über die Liste der Grünen in den Bundestag gewählt worden war, konnten wir ihr Telefon für die ungeheuer teuren Telefonate nutzen. Kommunikation war ein Abenteuer für sich und Gegeninformation war nicht gerade einfach zu beschaffen und zu verteilen.

Verzahnt mit den Aktivitäten zur Abwehr der direkten US Intervention waren die Kampagnen für den Wiederaufbau Nicaraguas und zur Unterstützung der Revolution. Humanitäre Hilfe wurde verstanden als politische Unterstützung des revolutionären Prozesses. So koordinierte das Infobüro zahlreiche Spendenkampagnen wie z.B. die Kampagne āNicaragua muss überlebenā.

Nach unserem damaligen Verständnis war Ländersolidarität, in diesem Fall kritische Solidarität mit den Sandinisten, ein Teil antiimperialistischer politischer Arbeit in der BRD. Wir verstanden den Imperialismus als weltumfassendes System mit den USA an der Spitze, aus dessen Herrschaftsbereich einzelne Länder durch die Machtübernahme der Befreiungsbewegungen herausgerissen werden konnten. Die ßbernahme der Staatsmacht in einem einzelnen Land schien uns zentral, die Verteidigung dieser Machtübernahme und die Unterstützung des revolutionären Prozesses auf allen Ebenen begriffen wir als politische Arbeit in der BRD.

Nicaragua und auch El Salvador und Guatemala waren somit das aktuelle Beispiel für das weltweite Kräftemessen zwischen Imperialismus und Befreiung.

Auch bei uns versuchten wir daher an dieser Frage Kräfte zu bündeln und arbeiteten mit den fortschrittlichen Teilen der Kirchen, Gewerkschaften und Parteien zusammen.

Wir gründeten mit anderen Dritte-Welt Gruppen eine Initiative und gingen in den Koordinierungsausschuss der damals erstarkenden Friedensbewegung gegen die Raketenstationierung, um aufzuzeigen, wo auf der Welt bereits Kriege mit anderen Mitteln geführt wurden und welchen Zusammenhang es hier gab.

Auch die Grünen waren damals noch eine Hoffnung, wir initiierten die Kandidatur von Gaby Gottwald als Vertreterin der Solibewegung auf der Grünen Liste für den Bundestag und gründeten die heutige Heinrich Böll Stiftung ( damals Regenbogenstiftung) mit und erkämpften eine Beteiligung der Solidaritätsgruppen an der Mittelvergabe für Auslandsmittel.

Grundlage hierfür war eine starke, unabhängige und breite Solidaritätsbewegung, die sich über Rundbriefe und Bundestreffen organisierte. Von ihr wurden die Kampagnen getragen, wie die Kaffeekampagne oder die Brigadenkampagne. Die Komitees machten auch die direkten Aktionen wie Proteste vor US-Einrichtungen, Aktionen gegen die Contra-Unterstützer in der BRD wie die rechten Stiftungen oder die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte, Aktionen gegen den Import von Kaffee aus El Salvador während der Kaffeekampagne oder gegen den Weltwirtschaftsgipfel und die IWF Tagung. Das Infobüro selbst beteiligte sich wenig an direkten Aktionen, sondern übernahm meist die Koordinierung und die Vermittlung in die überregionalen Medien.

Heute wundert mich, dass wir nicht mehr Workshops und Trainings für direkte Aktionen veranstaltet haben. Ich denke, das lag auch daran, dass wir seit 1984 die Arbeitsbrigaden als direkte und beste Aktion gegen den Contrakrieg und die drohende direkte US- Intervention ansahen.

Ich erinnere mich noch wie wir mit Schrecken die Nachrichten von der US-Invasion auf der Karibikinsel Grenada vernahmen und instinktiv wussten, dass es nun einer neuen Qualität der Aktion bedurfte.

Mit Staunen denke ich heute daran zurück, wie wir innerhalb weniger Wochen ein ganzes Flugzeug voller Brigadisten für die Kaffeeernte organisierten, ein eigenes Flugzeug von Air Cubana anheuerten, sich Vorbereitungsgruppen bildeten, Brigadisten Material sammelten, wir das Geld für das Flugzeug tatsächlich zusammenkriegten. Und wie ich mit zitternden Knien, meinen Kindern und einem Koffer voller Pässe mit Nicaraguavisa nach Bonn gefahren bin und dort tatsächlich 180 Leute mit Transparenten, Rucksäcken und Materialspenden standen und nach Nicaragua wollten. Und wie ich mit Tränen in den Augen in Luxemburg am Flughafen stand, als die Maschine wirklich abhob.

In diesen Wochen war spürbar, wie sich die Menschen in der Bewegung gegenseitig getragen haben, angespornt haben, unmögliches möglich gemacht haben.

Die Begeisterung war wie ein ansteckendes Fieber, es war die Idee, im entscheidenden Moment am richtigen Ort seien zu wollen und den Herrschenden endlich mal ein Schnippchen zu schlagen. Es war die Möglichkeit, Geschichte mitzugestalten. Es war auch die Möglichkeit mit unserer Herkunft aus Europa den Nicaraguanern bedingten Schutz zu geben und damit die eigene nationale Identität gezielt einzusetzen.

Dies geschieht übrigens auch heute noch. Melanie, meine ältere Tochter, ist gestern aus Kolumbien zurückgekommen wo sie ein Projekt europäischer Begleitung für gefährdete Gewerkschafter aufgebaut hat, das nach diesem Prinzip funktioniert. Und auch in der Vorbereitung der Begleiter haben sie viele Elemente wiederverwendet, die wir für die Brigadenvorbereitung entwickelt hatten.

Für Nicaragua war die erste Kaffeebrigade nur der Anfang einer jahrelangen Brigadenbewegung, die mit Sicherheit die eindrücklichste Aktionsform der Niacaraguabewegung in den 80gern war, und in der viele tausend Menschen engagiert waren. Viele haben ihr Leben riskiert zur Verteidigung der nicaraguanischen Revolution und einige sind von der Contra ermordet worden, wenn auch nicht aus den von uns organisierten Brigaden.

Ich war in Nicaragua mit einer europäischen Delegation der Friedensbewegung als der Arzt Tonio Pflaum ermordet wurde und ich war auch dort, als Jahre später Bernd aus Freiburg und Ivan und Joel von der Contra in einem Hinterhalt ermordet wurden. In diesen Momenten und auch bei der Entführung der Brigade wurde die ganze Grausamkeit des Krieges viel sichtbarer als bei den vielen unbekannten ermordeten Nicas, und die Verherrlichung und Romantisierung der Waffen, die wir zumindest auf vielen Plakaten betrieben hatten und die die Berichte vieler Brigadisten über die Nachtwachen begleitete, verwandelte sich in ihr grausames Gegenteil.

Das hing damit zusammen, dass wir kaum persönliche Kontakte und Freundschaften zu Nicaraguanern und Nicaraguanerinnen entwickelt haben in all diesen Jahren der Soliarbeit in den 80ern und ich denke, das hatte auch mit unserem Verständnis von Antiimperialismus zu tun.

Wir waren solidarisch mit einem Projekt, aber weniger mit konkreten Menschen und ihren Zielen. Wir wollten dies Projekt gegen die Feinde im eigenen Land verteidigen und damit zugleich auch unser Recht auf ein anderes Leben und auf unsere Träume manifestieren. Mit der Solidaritätsarbeit wollten wir hier bei uns die politischen Kräfteverhältnisse verändern, solidarische Beziehungen zu konkreten Menschen im gemeinsamen Kampf waren hier nachrangig oder konnten gar nicht existieren, weil zwischen uns und etwa den Bauern im Pantasmatal Welten lagen und es nur sehr abstrakt gesehen gemeinsame Ziele und Interessen gab.

So war es auch nicht besonders wichtig, Spanisch zu lernen. Und da wir die Soliarbeit als politische Arbeit von Deutschen in Deutschland begriffen, waren wir immer zögerlich, wenn Menschen aus Lateinamerika bei uns mitarbeiten wollten.

Für mich hat sich das erst verändert, als wir im Büro die Geschlechterfrage stärker aufgegriffen haben und mit dem Frauenschwerpunkt gezielt Frauengruppen in Nicaragua unterstützt haben. Hierdurch wurden die Kontakte enger und persönlicher. Es war allerdings auch ein Kontakt von sozialer Bewegung zu sozialer Bewegung und nicht wie bei anderen Kontakten entweder ein Kontakt als Partei an der Staatsmacht oder zu zentralen Strukturen beispielsweise der ATC.

Heute erscheint mir dies als eine zentrale Schwäche und Einsschränkung der von uns damals geübten kritischen Solidarität.

Solidarität unterstellt m. E. gleiche Ziele, was wir in den Gesprächen selten überprüft haben. Und oft waren sowohl wir wie auch die Brigadisten an Orten, wo die Bewohner selbst nicht gefragt worden waren, ob sie wollten, dass Brigadisten ihnen dort eine Schule hinsetzen, sondern dies war von zentralen Entscheidungsträgern der Organisationen oder Regionalregierungen entschieden worden.

Und erst als wir eines Abends eher aus Zufall Daniel Ortega in dem Kommunehaus, in dem ich damals wohnte, am Tisch sitzen hatten und sein Befremden über unseren Lebensstil so deutlich wurde, musste ich mir eingestehen, dass unsere Vorstellungen von Emanzipation und Befreiung wahrscheinlich sehr weit auseinander lagen.

Heute verwundert mich auch, dass wir uns so wenig damit beschäftigt haben, was die vielen Brigadisten denn gelernt haben in Nicaragua. Entscheidend war für uns ihre Zeugenrolle und ihre Multiplikatorenfunktion in der BRD. Welche Lernprozesse sich bei ihnen durch den zweimonatigen Aufenthalt auf dem Land unter einfachsten Bedingungen und ohne wirklichen Kontakt zu den Nicas vollzogen haben, hat uns eher privat aber nicht politisch interessiert.

Für eine weitere Diskussion möchte ich die Arbeit des Büros in den 80ger so zusammenfassen:

  1. Die Erlangung der Staatsmacht durch die Sandinisten erschien uns zentrale Voraussetzung für den revolutionären Prozess in Nicaragua. Gesellschaftliche und wirtschaftliche Befreiung hielten wir unter diesen Voraussetzungen für möglich.
  2. Antiimperialistische Solidarität bedeutete kritische Solidarität mit der Befreiungsbewegung an der Macht und Verteidigung gegen die Konterrevolution, Entlarvung des Staatsterrorismus der US-Regierung und der Helfer der Contra, gerade auch in der BRD.
  3. Dies Verständnis macht die Solidaritätsbewegung anfällig für sogenannte Moden, denn bei dieser Art von antiimperialistischer Arbeit bestand die Gefahr, dass das Objekt der Solidarität einfach ausgewechselt wurde.
  4. Unsere Partner waren die FSLN als Partei, zentrale Strukturen der Gewerkschaften oder einzelne Ministerien. Unter diesen Bedingungen konnten sich kaum partnerschaftliche Beziehungen entwickeln.
  5. Unser Gegenüber nahmen wir wenig als kämpfende Subjekte wahr, gerade in der Brigadenkampagne spielte die Partizipation der Nicas vor Ort kaum eine Rolle.
  6. Internationalistischer Austausch oder gar internationalistische Zusammenarbeit im Büro selbst mit Latinos/Latinas hatte es so schwer, partnerschaftliche Beziehungen wurden eher von denen aufgebaut, die längerfristige Hilfsprojekte machten, aber unter dem Verdacht standen nur rein Karitativ zu arbeiten.

Damit möchte ich zum Ende kommen, wünsche uns ein anregende Diskussion und ein schönes Fest.