Movida 5/02
 

 

Beiträge aus der Zeitschrift des Informationsbüro Nicaragua


 
 

Wie schützt man den Wald?

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Fincas aufbauen. Bäume fällen.

1991 wurde ein großer Teil des indigenen Gebietes an der Atlantikküste Nicaraguas (die in Wahrheit den gesamte östliche Teil des Landes -etwa 42%- umfasst), zum nationalen Naturreservat "Bosawas" ausgerufen. Es ist das größte in ganz Mittelamerika, 1998 rief es die UNESCO zum Biosphärenreservat aus. Das Regenwaldgebiet hat eine Ausdehnung von ca. 20.000 km², etwa 8.000 km² davon bilden das Reservat Bosawas.

Auf dem Gebiet des Reservates leben etwa 34.000 Menschen, die meisten davon Mayangna, Sumo und Misquitos. Bei Ausrufung des Reservates waren sie nicht konsultiert worden. Sie sehen das Reservat als eine Vergewaltigung ihrer im Autonomie-Gesetz von 1987 verankerten Rechte über Boden und Ressourcen an. Es wird der Verdacht geäußert, die Regierung habe den Reservats-Status deklariert, um besser vorhandene Bodenschätze ausbeuten zu können. Die Ausrufung von Naturparks trägt nach Meinung der indigenen Bevölkerung nicht dazu bei, ihre natürlichen Lebensgrundlagen zu schützen, sondern schließt sie von den Rechten über Land und Boden aus.

Andererseits ist es Fakt, dass durch Brandrodung und intensive landwirtschaftliche Nutzung in den Jahren 90-95 jährlich 2,5 % der Waldfläche abgeholzt wurden. Zudem wird die Hälfte des Energiebedarfs in Nicaragua durch Feuerholz gesichert. Die Situation im Reservat wird noch dadurch verschärft, dass arme Nicaraguaner aus dem Westen auf der Suche nach einem Stück Land in die Gebiete an der Atlantikküste einwandern.

In der Zeitschrift Envío veröffentlichte René Mendoza V. im August 2002 einen Artikel, der die Frage stellte: "Wie kann der Wald geschützt werden?" und lieferte gleich die Antwort: "Fincas aufbauen, Bäume fällen". Er setzt sich mit dem Naturbegriff auseinander und betrachtet dabei die Situation, die durch das Umweltschutzgesetz von 1997 in Nicaragua vor allem die Kleinbauern betrifft, und entwickelt Perspektiven für einen Umweltschutz, der die sozialen Bedingungen berücksichtigt. Wir haben uns entschlossen, die Aussagen dieses Artikels in zusammengefasster Form zur Diskussion zu stellen.


 
 

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Traditionelle Ökologie

Um den Wald zu schützen, müssen Fincas aufgebaut und Bäume gefällt werden - so die provokative These von Mendoza, mit der er sich auflehnt gegen die Beschlüsse zum Schutz nicaraguanischer Wälder, die "im Norden" gefasst wurden, in Gesetzen und Bestimmungen verankert sind und bei allen bewirkten Veränderungen doch die gleichen Ungerechtigkeiten aufrecht erhalten: Weiter verlieren die Bauern und die indigene Bevölkerung ihr Land. Die dieses politische Handeln bestimmende "traditionelle Ökologie" bewirkt nach Ansicht Mendozas eine Verschärfung der in den Waldgebieten aufgebrochenen sozialen Konflikte - er bezieht sich vorwiegend auf die indigene Bevölkerung Nicaraguas. Hoffnung setzt Mendoza dagegen in die "neue Ökologie", die in den südlichen Ländern und auch in Nicaragua an Einfluss gewinnt.

Traditionelle Ökologie begreift das ökologische System als in einem relativ stabilen Gleichgewicht (Klimax) befindlich und damit vorhersagbar. Der Mensch wird in einer untergeordneten, nicht eingreifenden Rolle für dieses Gleichgewicht, das auf linearen Entwicklungsprozessen beruht, gesehen. Mit Entwicklung der modernen Wissenschaft kam dafür die Metapher der Erde als gut geölter Maschine auf. In dieser mechanistischen Sicht kann der stationäre Zustand des Gleichgewichts aufrechterhalten und auch durch den Menschen gestaltet werden. D.h. Natur kann repariert und ihre Zukunft vorausgesehen werden.

Als Folge des auf der Basis des Konzeptes der "traditionellen Ökologie" geführten globalen "Diskurses über Abholzung", der als Ursachen der "Tragödie" Bevölkerungszuwachs, Migration, Agrarwirtschaft und Viehzucht ausgemacht hat, werden "Schutzgebiete" geschaffen, in denen der Wald ohne Eingriff fortbestehen soll. So auch in Nicaragua.
Mendoza kritisiert dieses Vorgehen scharf. Er sieht nicht nur eine zunehmende Verarmung der Bevölkerung der Waldgebiete und die dennoch parallel zu den Schutzprogrammen voranschreitende Ausplünderung der natürlichen Ressourcen auf der ganzen Welt. Er stellt darüber hinaus in Frage, dass der Wald in den Schutzgebieten überhaupt erhalten werden kann. Die statische, linear denkende Perspektive berücksichtige z.B. nicht die Auswirkungen der Klimaveränderungen. "Ein Gebiet, welches unter Schutz gestellt worden ist, läuft Gefahr, dass Naturkatastrophen wie z.B. Hurrikans es zerstören können."
Außerdem gehen die Schutzbestimmungen von einem unrealistischen Dualismus Waldgebiet - Unbewaldet aus. Dabei werden von Menschen unbeeinflusste Waldgebiete als natürlich angesehen und gestaltetes Nutzland als unbewaldete Flächen klassifiziert. Den in den Wäldern lebenden isolierten und verarmten indigenen Familien wird in der Folge verboten, das Holz des Waldes zu nutzen.
"Die Mayangnas aus den Municipio Bonanza in Nicaragua nutzten den Wald traditionell als Schutz, Nahrungsquelle und Obdach. Sie kleideten sich mit dem Abschlagen der Feigenkakteen. In der Dekade von 1940 bis 1950 arbeiteten sie für die Firmen, die Kaugummi gewannen, indem sie Millionen von Feigenkakteen fällten. Gestern und heute lebten sie von der Jagd auf Bergschweine. Die Mayangnas haben die natürliche Ressourcen genutzt und sie zugleich erhalten. Wieso werden in den modernen Ideen, die von den Agenturen der internationalen Kooperation vertreten werden, behauptet, dass die Mayangnas die Natur schützen, ohne sie zu berühren?"

"Neue Ökologie" - eine neue Perspektive?
Entgegen einer Strategie der Nicht-Intervention lautet Mendozas Lösungsweg: "Die Natur bewirtschaften, um sie zu schützen." Dies ist seine Konsequenz aus dem von ihm favorisierten Ansatz der "neuen Ökologie".
Die "neue Ökologie" sieht die Natur nicht im Gleichgewicht, sondern charakterisiert sie durch Unvorhersehbarkeit, Komplexität und Vielfalt, ständige Störungen und fortwährende Veränderung. Sie wird als durch den Menschen gestaltet begriffen und in ständiger Interaktion mit der menschlichen Gesellschaft. "Die Interaktion Mensch - Natur hat sich so lange mit grundlegenden Auswirkungen fortgesetzt, dass es logisch ist, die Natur sowohl als ein soziales als auch natürliches Produkt zu sehen."
"Die indigenen Völker aller Kulturen haben seit Urzeiten das Feuer benutzt, um die Wälder auszudünnen, die Jagd zu vereinfachen, neue Siedlungsplätze zu errichten oder religiöse Praktiken auszuüben. Das Feuer bedroht einige Spezies und unterstützt andere. Die Auswirkungen des Feuers unterscheiden sich in Abhängigkeit von den Umweltbedingungen, Wind, Baumtypen, Typ der Spezies, Alter und Heterogenität. Auch die Absichten der Menschen, ein Feuer zu entzünden, beeinflussen natürlich die Auswirkungen."

Der Mensch - ein Teil der Natur
Die Einführung von Krankheitsträgern, Viren und Bakterien, also Krankheiten, sowie Kriege und die Kolonisation hatten nicht nur Einfluss auf die Menschen, sondern auch auf Tiere und Pflanzen. Am Ende des 19. Jh. führte der Ausbruch der Rinderpest in Afrika zu einer enormen Dezimierung der Viehbestände, was dann die Weideflächen und das Entstehen von Bäumen dort beeinflusste. Die Reduktion der lateinamerikanischen Bevölkerung durch das Einschleppen von Krankheiten in die Kolonien der neuen Welt durch Europäer haben unter anderem zu weniger Waldbränden geführt, die grundlegende Veränderungen in großen Gebieten des Kontinents mit sich brachten. Die Einführung bestimmter Vieh- und Baum-Arten in Afrika und Lateinamerika hatte wichtige Auswirkungen auf die Vielfalt der Landschaft. Die Veränderung in der Vegetation, die wiederum Lebensraum anderer Spezies war, hat auch bei diesen Spezies Änderungen hervorgerufen. Einige sind ausgestorben, andere ausgewandert, wieder andere kämpften um die Vorherrschaft in diesen Gebieten, unter ständigem Wechsel der Population der Spezies. Alles änderte sich. Und so ist die Natur, die der Europäer in Afrika oder Lateinamerika antrifft, immer schon ein Produkt des Menschen.
Die Gewinnung von Holz in dem Biosphärenreservat Bosawas im Norden Nicaraguas findet seit mehr als einem Jahrhundert statt. Im Municipal Bonanza, das heute im Naturschutzgebiet liegt, haben Bergbaufirmen seit 1880 systematisch Holz geschlagen und eigens Wege zu dessen Transport gebaut. Hunderttausende von Indigenen und Mestizen haben in den 40ger und 50ger Jahren in einer Zone, die zur Kernzone von Bosawas gehört, Kaugummi aus den Kaktusfeigen gewonnen. Es handelt sich also um ein Reservat, das nicht unberührt ist, sondern seit langer Zeit durch die Menschen verändert worden ist.
Jegliche Eingriffe in die Natur durch die Schaffung von Schutzgebieten zu verhindern, kann somit in der Sicht Mendozas nicht das Ziel sein, sondern ganz im Gegenteil ist doch vielmehr ein direkter und bewusster, aber verantwortungsvoller Eingriff durch den Menschen angebracht. "Nutzen, um zu konservieren" ist die alte und aktuelle Praxis, der u.a. die Mayangnas aus dem Bezirk Bonanza im Nordwesten Nicaragua folgen, aber auch viele Landarbeiterfamilien. "Der Zustand der Bäume, die Realität der indigenen Bevölkerung und die Gewalt in den ausgedehnten Gebieten an der Landwirtschaftsgrenze in ganz Lateinamerika können mit den neuen Sichtweisen der Ökologie besser verstanden werden."
Mendoza fordert auf, die Vorstellung von Wäldern und deren Erhalt und auch von Nachhaltigkeit zu revidieren. "Die Erkenntnis, dass es sich nicht um ein Gleichgewicht handelt, könnte ein Brücke zwischen den Wissenschaften bauen und den sozialen Bewegungen mehr Realismus geben, schon weil zur Zeit viele Theorien Frucht für die neuen Perspektiven tragen, die von einer Variabilität ausgehen." Komplexität, Ungewissheit, Nichtlinearität - alles Begriffe der "neuen Ökologie" - ermöglichen neue Zugänge zur Erhaltung der Natur.

"Die Natur" - Chaos als "natürliche Ordnung"
"In der Natur sind Störungen nicht Ausnahmen sondern die Regel. Feuer, Hurricans, Gewitter, Überpopulationen von Tieren an bestimmten Orten, all dies gibt es seit alters her. Darüber hinaus sind abhängig von den Charakteristiken bestimmter Ökosysteme die Störungen eine Notwendigkeit. Einige Spezies brauchen durch Waldbrand gelichtete Wälder zum Überleben. Gut ausgesuchter Baumeinschlag kann die Folgen von Gewittern vermindern. Die jährlichen Waldbrände können Probleme erzeugen, sie können aber auch alle 10 Jahre notwendig sein, um bestimmten Spezies Leben zu geben. Wenn man Störungen als Regel und nicht als Ausnahme ansieht, kann man das Chaos als normale Situation in der Natur begreifen und als Notwendigkeit, welche den Erhalt der Natur garantiert."
"In der neuen Ökologie verändert sich die Natur ständig, ausgedrückt in den verschiedenen Landschaften und Wäldern. Welche Art von Wald wird es im Hutchinson Memorial Forest in den nächsten 10 Jahren geben? Welcher Typ von Savanne in Afrika? Welche Waldgebiete werden wir in Nicaragua Mitte des nächsten Jahrhunderts haben? Wird in den Naturreservaten eine angemessene Zahl von Vögeln und Tieren erhalten bleiben? Die zutreffendste Antwort ist wohl diese: wir werden andere Tierpopulationen haben als heute. Wir müssen ebenso zur Kenntnis nehmen, dass heute mit den Fortschritten und Verbesserungen der Wissenschaft die Unvorhersehbarkeit signifikant reduziert wird. Die Vorhersage von Klimaveränderungen wird jedes Mal genauer und ermöglicht, Vorsorgemaßnahmen zu treffen. Dennoch: die Herausforderung des ständigen Wechsels wird immer da sein und die Ungewissheit wird immer unser Begleiter sein."
Mendoza begreift die Biosphäre weder als eine funktionierende Maschine noch ein Raum ohne Leben, unveränderlich und unerbittlich. Es sollten Grundbedingungen geschaffen werden, die einen angemessenen und effektiven institutionellen Rahmen bieten für einen größeren lebendigen Austausch zwischen den Menschen und der Natur. Mendoza sieht dies als große Chance sowohl für die Natur als auch für die Menschen. Seiner Ansicht nach hat Nicaragua, beeinflusst durch die traditionelle Ökologie, die falsche Richtung eingeschlagen.

Mythos Forstgesetz - oder: wen oder was schützen Naturschutzgesetze
"In Nicaragua hat das Forstgesetz gravierende Fehler gemacht. Für die Bäume in den Fincas, die wertvolle Hölzer sind, werden Gesetze angewendet, die die Produzenten entmutigen, Bäume zu pflanzen und wachsen zu lassen. 'Jedesmal wenn eine Zeder bei mir heranwächst, schneide ich sie ab. Das Gesetz würde es dem Staat erlauben mein Land Stück für Stück zu enteignen". Juan Pablo de Fátima weiß, dass die Bäume dem Staat gehören und er Tage brauchen würde, um die Holzernte bei der Forstbehörde genehmigen zu lassen. Wenn nicht, muss er den Baum um Mitternacht schlagen und ihn zu geringem Preis verkaufen und sich dabei Gefahren aussetzen.
Derjenige, der das Gesetz verfasst hat, hatte einfach nicht wahrgenommen, dass es in dem größten Teil Nicaraguas natürlich auch auf den Fincas Bäume gibt. Es genügt nach Managua aufzubrechen, um die zu verkaufen. Dies ist der Fall sowohl in der Landwirtschaft, wo die Kaffeepflanzungen von Zedern und Lorbeerbäumen beschattet werden, als auch in der Waldviehwirtschaft, wo Pferdekoppeln mit Hybriden und Kürbisbäumen bewachsen sind, oder auch auf den Höfen der Landarbeiter, wo mit der Wiederaufforstung Bäume angepflanzt wurden, oder bei den Hecken. Weder sahen die Behörden, dass das Holz, das in der Stadt verbraucht wird, zum großen Teil auf dem Land produziert wird. Noch sahen sie, dass die Möbel von Masaya aus Lorbeer, Kürbisbäumen und Zedern gemacht sind, die auf den Kaffeepflanzungen wachsen.
Die untereinander verbundenen Baumgruppen auf den Fincas sind ein herausragendes Beispiel dafür, wie die Artenvielfalt erhöht und die Armut zu verringert werden kann. "Neue Studien zeigen, dass es die größte Artenvielfalt in den kleinen miteinander verbundenen Gebieten mit Baumgruppen gibt."
"Es gibt schon ein Wissen der Campesinos über den Schutz der Bäume. Ein Wissen das hilfreich sein könnte für die Produktion von hochwertigem Holz, für das man auf dem Markt mehr Geld bekommt. Die offizielle Politik sieht nicht die Wichtigkeit der Bäume als Spar-Anlage. Ein gutes Beispiel dafür finden wir heute auf den Kaffeeplantagen - während der Kaffeekrise. Viele könnten der Krise besser entgehen, indem sie ihre Zedern zu guten Preisen verkaufen. Sie tun es, aber zu niedrigen Preisen, heimlich und als 'Sünder'. Warum - wenn dich deine Bäume in einer Zeit der Krise retten? Ist es dann nicht sinnvoll mehr Zedern für die nächsten Krisen anzubauen?"

 
  Die Frage, die sich für die Menschen in Nicaragua stellt, ist die nach der alltäglichen Organisierung ihrer (Überlebens-) Ökonomie. Dabei muss die Organisation ihrer Ökonomie mit der Ökologie in ihren Wechselbeziehungen untereinander ausbalanciert sein. Gefragt ist also eine Selbstorganisation, die die ökonomische Versorgung unter dem Prinzip einer (revidierten, s.o.)'nachhaltigen' Ökologie sicherstellt. Die Natur bildet dann eine zu bearbeitende Grundlage, deren Erhalt und Pflege Voraussetzung zum Überleben ist, aber deren Zerstörung eben nicht einzige Quelle in einer Armutsökonomie sein darf. Dies ist nur denkbar, wenn die Menschen über gesicherte Ressourcen, ausreichend Land, Saatgut, Produktionsmittel und Marktzugänge verfügen....
(Zum Weiterlesen empfehlenswert: Nahua script 12: Landlos. Berichte und Gespräche zur Landfrage in Nicaragua und Mittelamerika. Wuppertal 1995; Bezug beim Infobüro Nicaragua)
 
 
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Leserbeitrag zum Artikel "Wie schützt man den Wald", Movida 5/2002


Liebe Freunde und Freundinnen des Rundbriefs,
mit einger Verzögerung habe ich erst den Artikel "Wie schützt man den Wald?" in der movida 5/2002 gelesen. Nachdem nun also auch in Deutschland und leider in unkritischer Übersetzung der Artikel von R. Mendoza vorliegt, ist es angesichts der aufgeworfenen Fragen mehr als dringend, eine kritische Reflexion zu Inhalt und Form nachhaltigen Ressourcenmanagements nicht nur im Zusammenhang mit dem Bioshpärenreservat Bosawas zu führen.

Zum Artikel im einzelnen:

1. "Bosawas" ist seit 1991 Reserva National und seit 1994 Reserva Natural. In dieser Abgrenzung wurde es 1998 von der UNESCO zum gleichnamigen Biosphärenreservat erklärt und zwar als eine von seinen sechs Kernzonen. Zusammen mit der Pufferzone umfasst es 20 000 qkm, wobei auf die Kernzonen 7500 qkm entfallen. Geschlossenes Waldgebiete gibt es in den Kernzonen noch auf rund 4000 qkm. In der Abgrenzung, wie sie der UNESCO-MAB-Deklaration (nicht Ausrufung!) entspricht, wurde Bosawas im Dezember 2001 durch Gesetz der Nationalversammlung Nicaraguas auch nach nationalem Recht zum BSR erklärt. Bosawas umfasst hiermit rund 15% der Landesfläche Nicaraguas bzw.entspricht in seiner AUsdehnung als "Schutzgebiet" der Fläche El Salvadors.
2. Im BSR Bosawas (es ist wichtig, wegen der Gleichnamigkeit immer zu unterscheiden ob man von der Reserva Natural Bosawas, also einer der Kernzonen, oder vom BSR Bosawas in seiner Gesamtfläche spricht), gibt es sechs indigene Territorien der Miskitu- und Mayangna-Völker (Sumu ist gleichnamig mit Mayangna, also keine dritte Ethnie wie im Artikel ausgeführt). Sie bilden mit etwa 25 000 Menschen 10% der Gesamtbevölkerung, stellen also nicht, wie im Artikel behauptet, die Mehrheit der Bevölkerung.

3. Die Existenz der indigenen Bevölkerung im BSR Bosawas ist weniger von den gesetztlichen oder rechtlichen Statuserklärungen, als von der immer weiter voranrückenden Agrarfront mestizischer Siedler und von der kulturellen Umwälzung im Innern der indigenen Gemeinschaften selbst bedroht. So richtig es ist, dass es weder 1991 noch 2001 Konsultationen zum Derket bzw. zum Gesetz über Bosawas gegeben hat (was im übrigen nicht nur eine Kritik an Regierung und Verwaltung darstellt, sondern auch am nicaraguanischn Parlament, welches 2001 ebenfalls eine Konsultation nicht für nötig erachtete, eine Tatsache, die mittlerweile zu einer Normenkontrollklage indigener Gemeinschaften und der sie stützenden NRO beim Obersten Gerichtshof geführt hat), muss doch ergänzend betont werden, dass diese Kritik sich mehr auf die Form der Beteiligung (Konsultation, Partizipation), als auf die Inhalte (vermutete staatlich gelenkte Ausbeutung) bezieht.

4. Den am Prozess beteiligten Akteuren (Regierung, Verwaltung, Gremien, Gemeinden, indigenen Gemeinscahften, NRO etc.) ist klar, dass die bereits ablaufende Ausbeutung durch illegale Landnahme, illegalen Holzeinschlag, extensive Viehbeweidung, Umweltverschmutzung aus Goldwäscherei, schädlichen Wanderfeldbau bei gestiegener Bevölkerung auch in indigenen Gemeinschaften etc. viel "nachhaltiger" auf die Restressourcen an Wald und Biodiversität einwirken, als dies ein staatliches Dekret oder ein von der Nationalversammlung verabschiedetes Gesetz vermögen. In diesem Zusammenhang kommt dem mittlerweile verabschiedeten Gemeralmanagement-plan und seinen jährlichen Operationsplänen eine zunehmend gewichtigere Bedeutung zu als dem Streit um die richtige Formulierung oder Interpretation von Gesetzesartikeln.

5. Es ist gerade im Zusamenhang mit dem BSR-Management vor allem der Widerspruch zu erklären, dass einerseits alle acht Munizipien im BSR Bosawas in der offiziellen Statistik unter "Extreme Armut" aufgeführt sind; anderseits hat jedoch eine vond der BSR-Verwaltung durchgeführte Erhebung auf Munizipebene 2003 ergeben, dass die jährliche Investitionsvolumen an privaten und öffentlicihen Krediten, Projekten, Programmen und sonstiger bilateraler Hilfe im gesamten BSR rund 30-40 Mo US$ umfasst.

6. Es lässt sich trefflich darüber streiten, wer im BSR Bosawas besser als andere weiss, wie die Naturgüter "nachhaltig" zu nutzen sind. Aus den vielen im Artikel erwähnten Gründen wurde, eingedenk der jahrhundertewirkenden menschlichen Beeiflussung der Status eines Biosphärenreservates als diesem Einfluss entsprechende Gebietskategorie erachtet. Schliesslich firmieren die BSR in einem UNESCO-Programm, welches "man and biosphere" tituliert ist. Insofern rennt der Autor offene Türen ein und es ist schlichtweg ärgerlich, wenn er latent unterstellt, das BSR habe einen Abwehrcharakter und sei nur zum Schutz und Trutz von Bäumen und Jaguaren den Menschen über den Kopf gestülpt worden. Da der Autor sich nicht mit der Wirklichkeit des Managementansatzes im BSR Bosawas auseinandergesetzt hat, baut er einen künstlichen Widerspruch um wolkige Begriffe von "traditioneller Ökologie" und "neuerer Ökologie" auf. Er scheint ausserdem bereits vom Wort "Schutz" so fasziniert zu sein, dass er allein dessen Existenz in den rechtlichen Grundlagen zum Beweis der These nimmt, im Falle des BSR Bosawas sei ein unrealistischer Dualismus Waldgebiet - Unbewaldet aufgebaut und durch "die Schutzbestimmungen" zementiert worden.

7. Der Autor verwickelt sich hierbei selbst in begriffliche Konfusionen. So hat das Managementprinzip der staatlichen Verwaltung gerade der in Nicaragua als "traditionell" bezeichneten Landnutzung der Mayangnas und Miskitu in der Kernzone des BSR Bosawas zu rechtlichem Status verholfen, und dies schliesst die Anerkennung des Beitrags der indigenen Gemeinschaften zum Erhalt der (letzten) geschlossenen Wälder in Bosawas ein. Es ist dadurch auch die vom Autor so beschworene "neue Ökologie" zum ersten Mal in Nicaragua in einem Managementplan eines "Schutz"gebietes rechtlich verordnet worden. Was will er denn noch mehr? Wahrscheinlich muss er selbst dies erst einmal begreifen, um dann eventuell zu einer differenzierteren Betrachtung voranschreiten zu können.

8. Eine 2002 von der BSR-Verwaltung in Auftrag gegebene Studie zur Agrobiodiversität im BSR Bosawas hat u.a. sich auch mit der Landnutzungspaxis der indigenen Gemeinschaften auseinandergesetzt. Eine der Schlussfolgerungen wird sicher noch viel Diskussionsstoff bieten: Die auch vom Autor beschworene Praxis indigener Gemeinschaften der bewussten und schonenden Eingriffe im Sinne einer holistischen Cosmovision kann nach den Ergebnissen dieser Studie so einfach nicht aufrecht erhalten werden. Die indigenen Gemeinschaften im BSR Bosawas stehen einer Jäger- und Sammler-Ökonomie noch immer viel näher als einer traditionell gewachsenen, schonenden und nachhaltigen Feld-Waldbau-Landwirtschaft. Dies ist umso schmerzlicher, da man sich auch von der Gewissheit verabschieden muss, indigen könne mit nachhaltig im Sinne von 1:1 gleichgesetzt werden. Eine differenziertere Betrachtung ist auch hier nötige Voraussetzung für richtungsweisende Schlußfolgerungen.
Eine der hieraus folgenden Konsequenzen für das derzeit in Vorbereitung und Umsetzung begriffene Co-Management indigener Gemeinschaften in der Kernzone des BSR Bosawas wird sein, mit den Gemeindschaften langfristige Nutzungsbestimmungen auszuhandeln, die ihnen erstmalig auch eine Landwirtschaft ermöglichen wird, die moderne Instrumente nachhaltiger Produktions- und Vermarktungssysteme einschliesst, d.h., die die indigenen Gemeinschaften zum bewussten Mitgestalter von Transformationsprozessen machen werden. Wie der Spagat, hierbei den Walderhalt nicht aus den Augen zu verlieren vor lauter Selbstbestimmung, umgesetzt werden kann, ist eine der vielen Ungewissheiten, die, wie der Autor zu Recht betont, immer der Begleiter eines nachhaltigen Ressourcnmanagement sein wird.

9. Es ist schade, zu sehen, wie wenig sich der Autor um die im BSR Bosawas in Gang gesetzte nachhaltige Entwicklungsstrategie gekümmert hat. In Nicaragua ist das BSR keine unbekannte Grösse, die BSR-Verwaltung auf nationaler Ebene und in den Gemeinden seit 10 Jahren eine institutionelle Wirklichkeit und die Publizität von Bosawas auch in der Tagespressen und im Fernsehen gebührend. Sofern gewünscht und sinnvoll, bin ich gerne bereit, mit dem Autor in einen vertiefenden Disput und Reflexion über die aufgeworfenen Fragen zu treten. Ein Beitrag zum Thema bäuerlichen Waldmanagements in Bosawas wird in der MaiAusgabe von Entwicklung und Ländlicher Raum erscheinen.

Mit freundlichen Grüssen Robert Dilger

 

 

 
 
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