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Beiträge aus der Zeitschrift des Informationsbüro Nicaragua
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Der Koloss schwankt
Das State-Department erklärte noch Anfang August seine "volle Unterstützung" für Bolaños´ Kampf gegen die Korruption. Jedoch ist Alemán bislang geschützt durch seine Immunität als Mitglied und Vorsitzender der Nationalversammlung. Den Parlamentssitz hatte er sich bereits vor der Wahl im Pakt zwischen FSLN (Frente Sandinista de Liberación Nacional) und PLC (Partido Liberal Constitucionalista) gesichert; das Privileg der garantierten Straflosigkeit dürfte ein wesentlicher Grund für diesen Deal gewesen sein. Schon kurz nach der Regierungsbildung aber hatte sich die PLC in zwei Lager gespalten, wobei eines von Alemántreuen gebildet wird und eines die Politik von Bolaños unterstützt.
Korruptionsbekämpfung im neoliberalen Sparring Ruth Selma Herrera von der Verbraucherschutzorganisation "Red de Consumidores de Nicaragua" warnt in diesem Sinn, dass "Arnoldo Alemán nicht allein geboren wurde. Das System hat ihn hervorgebracht. So wie die öffentliche Verwaltung gestaltet ist, können ohne weiteres mehr Alemáns aus ihm hervorgehen." Herrera befürchtet, das der Kampf gegen die Korruption nur ein "Hitparadenthema" ist, und die "Korruptionsmaschine" neue Byron Jerez´ hervorbringen wird, die dann ungestraft agieren können: Während einerseits die Korruption bekämpft wird, werden Rahmen eines Vertrages mit der Interamerikanischen Entwicklungsbank weiterhin Privatisierungen des Wassers durchgeführt, und dabei die Umweltschutzbestimmungen, die Verbraucherrechte, das Recht auf Wasser und das Recht auf Leben verletzt. Es ist Bestandteil der Korruption, dass die Interamerikanische Entwicklungsbank, die Weltbank, der Internationale Währungsfonds weiterhin Verträge durchsetzen, die die geringen Ressourcen, die das Land noch hat, und auch die Grundbedürfnisse der Bevölkerung angreifen. In diesen Verträgen sind die Unternehmen, die davon profitieren werden, bereits vorbestimmt. Gleichzeitig betont Selma Herrera, dass einige Abgeordnete in Ansätzen einen Kampf aufgenommen haben, der vom Red de Consumidores begonnen wurde: Wenn tatsächlich die Energiesteuern verringert und die Steuern auf den Grundbedarfmittel nicht erhöht werden, liegt das auch daran, dass die Bevölkerung selbst die politische Agenda verändert hat. So ist es als Erfolg zu verbuchen, wenn nicht mehr nur über Personen des öffentlichen Lebens und die Parteien geredet wird, sondern über die Probleme der Leute.5
2LA PRENSA : Alemán condenado por opinión pública, 12.08.2002 3 envío, 07/2002, S.15 4(siehe movida 03/02) 5 RED DE CONSUMIDORES DE NICARAGUA: A desmontar maquina de " fabricar " corruptos. Von Edgar Sanchez (http://nuevoradio.org/comsunica/noticias/corrupcion-end-020811.htm) |
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Apanás: Privatisierung der Lebensgrundlagen
Die Privatisierung von Hidrogesa, der beiden Wasserstromwerke Centroamérica in Matagalpa und Apanás in Jinotega, ist eines der Beispiele, das die Stoßrichtung der offiziellen Korruptionsbekämpfung veranschaulicht. Am 30. April 2002, also unter der neuen, auf Good Governance eingeschworenen Regierung, erwarb ENRON de Nicaragua die beiden Werke (ENRON International führt ihre Geschäfte weltweit weiter). Binnen zwei Tagen dämmerte der Regierung, dass dieser Name womöglich schlechte Assoziationen wecken könnte. Gewinner war nun plötzlich die Coastal Energy (die zu dem wegen "kreativer Buchhaltung" ins Gerede gekommenen US-Energieriesen El Paso gehört). Die beiden Werke produzieren 15% der national verbrauchten Energie und die bei weitem kostengünstigste. Seither üben sich verschiedene Regierungsstellen in Tragikomödie: Nein, das Stromprivatisierungskomitee dürfe Coastal nicht bevorzugen, doch, ENRON habe nicht alle Auflagen erfüllt etc.. Dieser Tage hat die Contraloría (der staatliche Rechnungshof) den Verkauf grundsätzlich abgesegnet, worauf das Privatisierungskomitee Coastal erneut den Zuschlag gab und ENRON wieder rekurrierte. Nach Angaben von Ökonomen und Gewerkschaften stellt der von beiden Unternehmen angebotene Kaufpreis von ca. 41 Mio. US$ ungefähr ein Sechstel des realen Marktwertes dar. Mit den aktuellen Preisen erwirtschaftet Hidrogesa derzeit über $6 Mio. im Jahr. Der Käufer hätte den Kaufpreis also bei gleichbleibenden Strompreisen binnen sechs Jahren amortisiert - wahrscheinlicher ist aber, dass sich die Preise schwindelerregend erhöhen werden. Erhitzte GemüterVom Wasser des Rio Viejo, das die Centroamérica bewirtschaftet, lebt wirtschaftlich das ganze Tal von Sébaco mit seiner großen Reis- und sonstiger Agrarwirtschaft. Das Apanás-Becken gehört zu den geschützten Naturzonen des Landes und darf laut Umweltgesetz weder verkauft noch konzessioniert werden. In ganz Lateinamerika (und anderswo) wehren sich wachsende Teile der Bevölkerung z.T. erfolgreich gegen Privatisierungen. In der Region um den Apanás-See haben die betroffenen, vorwiegend indígenen Comunidades zu mobilisieren begonnen. Dem Movimiento Indígena de Nicaragua (indígene Bewegung Nicaraguas) wurde wegen einer früheren Landentscheidung der Regierung schon einmal vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag eine Entschädigung zugesprochen und die Regierung wurde verpflichtet, die Grenzen der indigenen Gebiete klar zu demarkieren. Das gesamte Gebiet des Apanás aber befindet sich in indígenem Territorium, die Regierung kann daher eigentlich ohne vorherige Konsultationen mit den Comunidades nichts verkaufen. Die Bewegung ist derweil entschlossen, wieder nach Den Haag zu gehen. |
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Im August begannen bereits die ersten Einzäunungsarbeiten am See. Denis Palacios vom KonsumentInnennetzwerk von Jinotega versicherte gegenüber der Tageszeitung El Nuevo Diario: "Die Gemüter werden sich dort erhitzen, falls sie weiter einzäunen oder die Benutzung des Sees verhindern wollen. Es wird zu Konfrontationen kommen, auch mit der Polizei, wenn nötig" (El Nuevo Diario, 15. August 02). Der Frente Sandinista bringt im Parlament parallel einen Antrag auf das Verbot jeglicher Wasserprivatisierung ein. Auch gegen ein weiteres im PRSP angekündigtes Verbrechen, die faktische Privatisierung der Wasserversorgung im dicht bevölkerten Raum León-Chinandega, entwickelt sich eine beachtliche Mobilisierung. Die Coordinadora por la Vida (Koordination für das Leben), ein Zusammenschluss von sozialen Organisationen wie dem Movimiento Comunal (Gemeindebewegung) und Gewerkschaften, NGOs, KonsumentInnenorganisationen, Universitäten, Kirchen, sandinistischen Gemeinderegierungen und Basisstrukturen organisiert in diesen Tagen mehrere Demos, damit das Projekt gar nicht erst anfängt. Auf nationaler Ebene mobilisiert die ähnlich zusammengesetzte Coalición de Lucha Social y Popular (Koalition des sozialen Kampfes) für baldige Massenaktionen, ausgehend von den einzelnen Gemeinden. Es sieht so aus, dass auch in Nicaragua eine neue Zeit anbricht, voller Grausamkeit auf der andern Seite, mit dem Bewusstsein auf der anderen, dass grundlegende Weichenstellungen anstehen, die - ohne zu übertreiben - für viele über Leben oder Tod entscheiden.
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Armutsreduktion - was ist das?
Wo stand, dass die beiden Stromwerke privatisiert werden müssen? Natürlich im sog. Poverty Reduction Strategy Paper (PRSP) vom Juli 2001. Die Armutsreduktionsprogramme sind der große Schlager gegen Länder mit hoher Armut und Auslandsverschuldung. Die Strategie ist folgendermaßen: Die internationale Raubgemeinschaft, v.a. das US-Finanzministerium, schickt den Internationalen Währungsfonds (IWF) ins Land. Der trifft sich mit den Topkadern aus der Notenbank und dem Finanzministerium und teilt ihnen mit, was Sache ist: Soundsoviel Währungsreserven haltet ihr für die Schuldenzahlungen bereit, deshalb muss das Budget so und so aussehen; die Mehrwertsteuer wird auf Medikamente ausgeweitet; die paar Subventionen (etwa für Strom und Wasser) werden gestrichen; außerdem verkauft ihr den Hafen und binnen drei Jahren diesen und jenen Teil der Wasserversorgung oder des Gesundheitswesens, und zwar klar unter den "Marktpreisen" usw.. Dann kommt die Ownership zum Zug, d.h. die "nationale Aneignung": Das lokale Topkader muss jetzt detailliert erklären, wie es die Vorgaben zu erreichen gedenkt - selbstverständlich bei entsprechend geregelter Beteiligung am Transfer des lokalen Reichtums in die "Märkte". |
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