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Beiträge aus der Zeitschrift des Informationsbüro Nicaragua
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Dürre und Hunger. Protestierende LandarbeiterInnen wandern in die Stadt
Die KaffeearbeiterInnen im Norden, die meisten ohne eigenes Land, leben von der Arbeit auf den Haciendas. Doch dort wird jetzt, da der Weltmarktpreis in die Knie gegangen ist und die Ernten unrentabel gemacht hat, nicht mehr gearbeitet: die BesitzerInnen mussten ihre ArbeiterInnen entlassen, teilweise ohne den Lohn für bereits geleistete Arbeit zu zahlen. Zum Beispiel der Landkreis La Tuma La Dalia. Er ist hochgradig abhängig von der Kaffeeproduktion. Mit 240.000 Quintal (1q. ca. 46 kg) Jahresproduktion trägt er 20% zur Gesamtproduktion des Landes bei. Nach Angaben des Bürgermeisters Manuel Zúniga, aus dessen Landkreis zur Zeit mehr als 1000 Personen auf dem Platz Los Monos in Matagalpa lagern, arbeitet mehr als die Hälfte (!) der Gesamtbevölkerung von etwa 64.000 Personen im Kaffee. Zur Zeit gebe es in den Gemeinden von El Hular, El Tuma, La Ceiba und La Mora etwa 5000 geflüchtete Familien, d.h. mehr als 25.000 Menschen. Es sind proletarisierte Bauernfamilien ohne eigenen Grund und Boden, absolut abhängig von der Arbeit auf den Plantagen. Bekommen sie keine Beschäftigung mehr im Kaffee, heißt dies oft auch, nicht mal mehr einen Ort zum Leben zu haben, denn nicht selten leben diese Familien geduldet auf dem Gelände der Hacienda. Der Kaffeepreis, der von etwa 110 US$ pro Quintal bei der letzten Ernte auf unter 60 US$ bei dieser Ernte gesunken war, führte dazu, dass die meisten der PlantagenbesitzerInnen im Hochland im Norden Nicaraguas die Produktionskredite der Banken nicht zurückzahlen konnten. Ein von der Regierung eingesetztes erstes Moratorium hatte den ProduzentenInnen eine erste Erleichterung gebracht, darüber hinaus gibt es praktisch keine Ansätze seitens der Regierung, die Krise des Kaffees in Nicaragua zu bewältigen. Das Menschenrechtszentrum CENIDH schreibt: » Die finanzielle Krise, die das Land seit einigen Jahren erleidet, hat angesichts der Abwesenheit von Politiken zur Produktionsfinanzierung für den Norden zu chaotischen Zuständen in Unternehmerkreisen - hauptsächlich im Landwirtschaftssektor - geführt. In dieser Zeit sind sieben Banken zusammengebrochen, deren Kapital zu großen Teilen aus privaten Sparguthaben bestand und hauptsächlich in Produktionskrediten investiert war. Die Suspendierung der Kredite und die juristische Verfolgung der Kreditnehmer, dies erst führte zur Krise des Kaffeesektors. Die sofortige Entlassung hunderter Bauern, die gemeinsam mit ihren Familien von den Arbeiten auf den Plantagen leben, war die Folge.« Zwei Angebote seitens der Regierung können die Kaffeeproduzenten alternativ aufgreifen: Angebot A gibt 25 US$ je Quintal produzierten Kaffees als langfristigen günstigen Kredit, zur Rückzahlung der aktuellen Bankschulden. In der Praxis bedeutet dieses Angebot, dass die vielen kleineren ProduzentInnen ausgeschlossen bleiben, denn als Grundlage dienen Verkaufsquittungen, die in der Regel von den Aufkäufern nicht ausgestellt werden, alles in allem viel Papierkram und Bürokratie. Doch auch für die Mittleren und Großen, die nur etwa 30-35% der 30.000 ProduzentInnen ausmachen, ist das Angebot bloß eine bedingte Hilfe: Es sieht keine Unterstützung für die aktuelle oder zukünftige Produktion vor. Der Produzent sieht das Geld gar nicht, es wird einfach auf der Bank umgebucht. Das Programm dient im Grunde der Sanierung der nationalen Banken: eine der Hauptforderungen des IWF (gerade ist BANIC, eine der großen nicaraguanischen Banken, für bankrott erklärt worden). Bislang sind noch keine 10% der veranschlagten ca. 16 Mio. US$ beantragt worden. Die zweite Option, Vorschlag B, vergibt 50 US$ für jedes in der vergangenen Ernte produzierte Quintal Kaffee als Finanzierung für die nächste Ernte: der Kredit wird mit produziertem Kaffee zurückgezahlt. Interessant ist, dass diese Variante nicht über die Banken abgewickelt werden soll, sondern über die Gemeindeverwaltungen. Diese jedoch wären personell und logistisch absolut überfordert. Außerdem gibt es noch keine Durchführungsbestimmungen. Daher hängt noch alles in der Luft und es bleibt unklar, inwieweit dieses Angebot überhaupt wird in Anspruch genommen werden können. Nachdem die KaffeearbeiterInnen und verarmten KleinbäuerInnen mit ihren Familien wochenlang auf den Strassen im Norden Nicaraguas ausgeharrt hatten, um Hilfe, Lebensmittel und eine Initiative der Regierung zur Lösung der Krise zu fordern, machten sie sich auf zu einem Hungermarsch in die Hauptstadt. »Jetzt sind wir auf dem Weg nach Managua«, sagte Berta Salina, eine der Aktivistinnen: »Insgesamt sind wir 5000. Hier sehen sie nur 280, aber es gibt noch 13 weitere solcher Camps und mit all diesen Menschen ziehen wir weiter bis Managua, um Druck auf die Regierung zu machen.« Die Hauptstadt liegt 140 km entfernt. 800 kamen schließlich an in Managua. Die Familien waren gefundenes Fressen für die Wahlkampfpropaganda, alle Parteien verteilten ihnen Lebensmittel, und nach zwei Tagen handelte die Regierung ein Abkommen aus: sie sollen in den nächsten drei Monaten 3 manzanas Land im Raum Chinandega/Leon oder Nueva Guinea bekommen. Unmut gab es, weil die Leute natürlich Land in ihrem jetztigen Lebensraum gefordert hatten wo es, wie sie zurecht sagten, genug zu Verteilen gäbe. Nach Angaben des Welternährungsprogrammes der UNO sind es mehr als 10.000 Familien, die von der Kaffee-Krise betroffen sind, und weit mehr als 22.000 Familien - also mehr als 150.000 Menschen-, die wegen der Trockenheit zur Zeit Hunger und Not leiden. Die betroffenen Gebiete liegen im Norden und Westen des Landes: Nueva Segovia, Madriz, Estelí, Chinandega, Masaya, Boaco, Jinotega und Matagalpa. Doch auch in Honduras und El Salvador wird von einer Hungerkatastrophe gesprochen, das Welternährungsprogramm zählt insgesamt 1,5 Millionen Betroffene in der Region. In Honduras wurde bereits im Juli der Notstand ausgerufen, doch in Nicaragua gibt es offiziell keinen Hunger: Alemán hatte sich Mitte August gar zu der Bemerkung hinreißen lassen, es gebe offensichtlich nur in den von den Sandinisten regierten Gebieten Hunger... Die Aussichten sind schlimm: die geringere Produktion an Lebensmitteln wird das Angebot verknappen und die Preise steigen lassen. Und erst zur nächsten Erntezeit ab Ende des Jahres wird sich zeigen, wie dramatisch die Situation tatsächlich ist: Da die Arbeit auf den Plantagen aktuell stark reduziert ist, ist eine Reduzierung der Produktion bis zu 60% zu befürchten. Die Folgen für Zehntausende sonst temporär beschäftigte KaffeepflückerInnen werden fatal sein. Und bereits jetzt hat der Exodus von NicaraguanerInnen nach Costa Rica stark zugenommen. Auch für die Volkswirtschaft sind die Konsequenzen katastrophal, man erwartet Verluste von 90 Mio. US$. Der Hintergrund der Hungerkatastrophe aber liegt in fehlender Planung und Konzeption. Die Regierung vernachlässigt systematisch diesen sozial-ökonomischen Pfeiler des Agrarstaates. Orlando Nuñez, Experte für Agrarwirtschaft, sieht drei grundsätzliche Probleme der Agrarproduktion: 1. Landverteilung: zehntausenden Familien ohne eigenen Grund und Boden fehlt die Möglichkeit, sich in Eigenversorgung die Existenz zu sichern, 2. fehlende Diversifizierung: » Jahrtausende haben die Menschen mit einer Kombination aus Ackerbau, Kleinvieh, Gemüse und Obst gelebt. Heute haben sie nur noch Reis und Bohnen. Wenn die Ernte vertrocknet, bleibt ihnen nichts.« und 3. fehlende Finanzierung und technische Beratung: Welches Produkt gedeiht unter welchen Bedingungen? Wie sind die Preise für welche Produkte, wie lassen sie sich am besten lagern und vermarkten? Woher Kleinkredite für Aussaat und die Überbrückung bis zur nächsten Erntephase bekommen? Hunger ist kein Schicksal, sondern eine Frage politischen Willens und der Verteilung von Ressourcen. Es gibt Stimmen, die vom Entstehen einer neuen sozialen Bewegung in Nicaragua sprechen: da verbünden sich Tagelöhner mit Kleinbauern, Leute mit oder ohne Land, organisieren Märsche und Straßenblockaden, gehen in die Öffentlichkeit, formulieren Forderungen. Auf einer Mahnwache in Malacal bitten die BäuerInnen um eher ideelle oder ideologische Unterstützung: "Helft uns, zu denken.", sagten sie. Auch die neuartige Zusammenarbeit der Bürgermeister, über Parteigrenzen hinweg, zeugt von einem neuen Selbstbewusstsein, das sich nicht nur mit der bedrückenden Notsituation erklären lässt. Die Zukunft allerdings erst wird zeigen, welchen Weg diese ersten Organisierungsversuche gehen werden. Das Informationsbüro Nicaragua jedenfalls wird auch hier die Entwicklungen begleiten und Selbstorganisation und fortschrittliche soziale Auseinandersetzungen in der Region unterstützen.
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Bericht des Menschenrechtszentrums CENIDHIm Folgenden dokumentieren wir einen Auszug aus einem "Dringenden Bericht" von Vilma Nuñez, Direktorin des nicaraguanischen Menschenrechtszentrums CENIDH, über die Situation der LandarbeiterInnen und Bauernfamilien, die von der Kaffeekrise, der Dürre und den Überschwemmungen betroffen sind. (...) Die Situation im Norden führte seit Juli dazu, dass Hunderte von Familien aus den ländlichen Gebieten Matagalpas, deren Existenz ausschließlich von der Arbeit auf den Kaffeeplantagen abhängt, in die Stadt Matagalpa flüchteten. Dort besetzten sie öffentliche Plätze auf der Suche nach Hilfe und Essen. Auf der Straße zwischen Matagalpa und La Dalia hatten hunderte von Personen Straßensperren errichtet und verlangten Nahrungsmittel. (...)Trotz der Schwere der Situation hat die Regierung keinerlei Maßnahmen ergriffen. Die schwere Hungersituation und die extreme Armut in den betroffenen 44 Landkreisen erfordern eine sofortige Reaktion seitens der Regierung, und die Ausrufung des Notstandes in diesen Gebieten. (...) Die Haltung der Regierung bleibt allerdings unsensibel und blind gegenüber den Notwendigkeiten der Bevölkerung. Präsident Arnoldo Alemán verkündet zu verschiedenen Anlässen, das Problem würde aus wahltaktischen Gründen angeheizt, und es existiere in Nicaragua kein Hunger. In einer Situation der permanenten Missachtung der Menschenrechte der ärmsten Bevölkerungsgruppen des Landes und einer extremen Krise verletzt die Regierung Nicaraguas nicht nur das Recht auf Ernährung, auf Gesundheit, auf Arbeit und auf Wohnraum, sondern transferiert noch die Verantwortung zur Lösung der Probleme auf die lokalen Regierungen, ohne dass diese mit ökonomischer oder materieller Hilfe rechnen könnten.
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Erklärung der Mahnwachen im Norden NicaraguasWir dokumentieren eine gemeinsame Erklärung der Mahnwachen der KaffeearbeiterInnen und KleinbäuerInnen, die sich seit Juli im Norden des Landes organisieren. Zunächst durch Hunger und Perspektivlosigkeit aus den Bergen in Richtung der Städte vertrieben, besetzten sie dort Strassen und Plätze, forderten Unterstützung und direkte Hilfe, hielten den Verkehr an und machten ihren Protest öffentlich. Schließlich organisierten sie einen "Hungermarsch" bis in die Hauptstadt, um von der Regierung eine Lösung der katastrophalen Situation des Kaffeesektors zu fordern.
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Erklärung des Frauennetzwerkes von MatagalpaWir dokumentieren hier in Auszügen eine Erklärung des "Red de Mujeres de Matagalpa" vom 24. Juli 2001Als Teil der autonomen Frauenbewegung haben wir die Pflicht, öffentlich die Verantwortlichen dieser obszönen Situation zu benennen. Wir, die organisierten Frauen Nicaraguas, haben bereits in den 80er Jahren und speziell im vergangenen Jahrzehnt zum tagtäglichen Überleben unserer Familien und Gemeinden beigetragen. Die neoliberale Politik hat unsere Gesundheit ruiniert. Wir sind nicht unbegrenzt belastbar. Wir Frauen können und wollen uns nicht weiter dem Desaster unseres Landes annehmen, während die tatsächlich Verantwortlichen ihre Hände in Unschuld waschen.
Entgegen all der Propaganda und der Projekte, die von "Auslöschung der Armut" sprechen, ist das, was wir tatsächlich erfahren, die Auslöschung der Armen. Und dies hat sehr wohl einen politischen Hintergrund. Das durch den Norden eingesetzte Modell der schlechten Entwicklung schafft diese Armut. Das Modell basiert auf der schlechten Verteilung der Ressourcen und schafft ungleiche Machtbeziehungen, welche Frauen und entrechtete Gruppen ausschließen. Die schlechte Entwicklung hat die traditionellen Modelle agrarischer Diversität zugunsten von Exportkulturen - wie dem Kaffee - zerstört. Heute steht Entwicklung im Dienste der Interessen des Kapitals, das mit seiner Produktion für die Märkte des Nordens und für die Verbrauchermärkte unserer Länder konkurriert. So geht es also nicht bloß darum, einen Präsidenten auszutauschen oder eine andere Partei auszuwählen, die die Schutzlosen zu schützen verspricht, ohne die wahren Hintergründe dieser institutionalisierten Gewalt zur Kenntnis zu nehmen - die Politik des Staates und der Globalisierung. Wir werden uns auch nicht mit dem Versprechen auf ein anderes Leben im Jenseits zufrieden geben. Wir verlangen Gerechtigkeit und ein würdiges Leben für uns Frauen und unsere Gemeinden. Wir verlangen sofortige Maßnahmen durch die Regierung. |
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