Movida 4/00
 

 

Beiträge aus der Zeitschrift des Informationsbüro Nicaragua

 
 

Kommunalwahlen und andere Nachrichten

Kardinal Obando y Bravo war sich dann doch ein bisschen zu schade, dem von der PLC ins Rennen geschickten Bürgermeister-Kandidaten für Managua, Wilfredo Navarro, den begehrten Segen zu erteilen. Nicaraguas gutbeschürzter Oberhirte ging sogar noch ein Schrittchen weiter und bezeichnete das jüngst durch das FSLN-PLC-Kartell verabschiedete neue Wahlgesetz als »ungerecht«.

Mitten im Vorwahlkampf um die Kommunalwahlen in Nicaragua am 5. November stellt sich also durch einen erlauchten Vertreter Gottes die Frage nach »Gerechtigkeit«. Da man dem Kardinal zwar erzschwarze Gesinnung, keineswegs aber mangelnde politische Weitsicht nachsagen kann, lässt sich dessen Urteilsspruch in etwa wie folgt deuten:

Die regierende liberale Partei unter dem autokratisch und dummdreist herrschenden Arnoldo Alemán verliert in der öffentlichen Meinung zunehmend an Unterstützung. Interne Streitigkeiten (die Fraktion der PLC im Parlament ist durch Austritt oder Rauswurf von 42 auf 28 Abgeordnete zusammengeschmolzen) und permanente Kritik nationaler und internationaler Organisationen am ungeschickten Führungsstil des Präsidenten lassen diesen nicht mehr als Garant für die Interessen der Bourgeoisie Nicaraguas erscheinen. Zeit, sich zu distanzieren und in Szene zu setzen.

Nehmen wir ein Beispiel. Da erzählte jüngst eine Psychologin in Nicaragua vom schizophrenen und paranoiden Geisteszustand des Señor Presidente. Eine Zeitung veröffentlicht die Diagnose, die einzig auf Analysen seines öffentlichen Auftretens basieren: pathologisch und gefährlich.

Nicht nur die gesamte Presselandschaft in Nicaragua nimmt diese Nachricht auf und bauscht sie auf, indem weitere ExpertInnenmeinungen eingeholt und Beurteilungen abgegeben werden. Auch die Politik bedankt sich für das neue Thema, stößt es hinein in den fetten Bauch interner Diskurse, wo es weiterschwillt und schließlich wieder hervorgeholt wird, zum Dokument gewandelt, öffentlich und normalisiert. Schließlich präsentiert man im Parlament eine (natürlich chancenlose) fraktionsübergreifende Petition zur Abberufung des Präsidenten.

Doch die Wogen des Aberwitzigen ziehen ja weiter, füllen die Seiten der linken alternativen Nachrichtendienste und Publikationen der Soligruppen. Dann lesen wir in Deutschland über Nicaragua, und Häufigkeit und Attraktion der Nachricht machen uns glauben, wir wüssten mit ihr nun mehr über das Land und seine Tagesgeschäfte als zuvor. Über was aber wird denn da eigentlich berichtet? Was ist Nachricht?

In allen drei Fällen - der sensationsheischenden Presse, dem Affentheater fetter Politikerfunktionäre und in gewisser Weise auch der solibewegten Publikationen - wurde ein Publikum unterhalten, bedient, reproduziert, stillgestellt.

Auf welche journalistische Ebene der Darstellung muss man sich begeben, um von Ereignissen und Verhältnissen in Nicaragua berichten zu können? Wie findet man den rechten Ort zwischen dem Versuch, über einzelne Nachrichten und Zustände aktuell und sachlich zu informieren und dem Drang nach analytisch-distanzierter, soziologischer Betrachtung - Hort, der zur Zuflucht wird bei allzu grotesker tagespolitischer estupidéz.

In Nicaragua ist der Kommunalwahlkampf voll entbrannt. Die beiden großen Parteien PLC und FSLN haben es geschafft, den Wahlkampf zu ihrer medialen Bühne zu machen, die Stimmung gleicht der bei Präsidentschaftswahlen. Lokale Themen oder Inhalte wie Dezentralisierung, Partizipation, etc. spielen praktisch keine Rolle. Der oberste Wahlrat, paritätisch von Vertretern von PLC und FSLN besetzt, hebelte im Vorfeld den Großteil der Parteien aus den Startlöchern, indem er ihnen die Zulassung versagte. Es ließe sich munter berichten über Proteste, Kandidaturen, Allianzen, Einflussnahmen, Spekulationen. Fest steht, dass durch das Ausschalten der Konkurrenz im Vorfeld Betrug oder Manipulationen am Wahltag praktisch nicht mehr notwendig sind, dass die beiden großen Parteien als Sieger im Grunde bereits feststehen, und vielleicht noch, dass die FSLN vor den Liberalen an Punkten mächtig hat gutmachen können.

Es ist eine alte Frage, ob Wahlen in einem fortschrittlichen Sinne überhaupt relevante Änderungen erwarten lassen dürfen. So, wie sich die Dinge zur Zeit in Nicaragua darstellen, ist genau davon aus der Distanz nichts auszumachen. Und so erlauben wir uns, uns fürs erste die journalistische Kleinarbeit zu ersparen und noch ein bisschen abzuwarten.

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Hip-Hop, Ché und Volksmusik

 
 

»Nicht an das gute Alte,
an das schlechte Neue müssen wir anknüpfen!« (B.B.)

Nach dem Scheitern der revolutionären Projekte in Zentralamerika, dem Versagen der orthodoxen politischen Bewegungen und der Verwandlung Lateinamerikas in einen »einzigen Supermarkt« (wie es Präsident Bush schon bei seiner Lateinamerikareise Anfang der 90er Jahre angekündigt hat), kommt dem kulturellen Widerstand gegen die Zwangsglobalisierung immer größere Bedeutung zu. Die folgenden unsystematischen Betrachtungen sind als Thesen, als Diskussionseinstieg zu diesem Thema zu verstehen.

Latinokultur - darunter verstand man in den den frühen Jahren der Chile-Solidarität und Dritte-Welt-Bewegung vor allem Quenaflöte und Charrango, allenfalls noch venezolanische »Cuatro« und paraguayische Harfe, und es waren die Lieder von Inti Illimani, Quilapayun und Victor Jara, die die Botschaft vom Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung in die Köpfe und Herzen der Menschen auch hierzulande transportierten. Später dann, in den Jahren der Nicaraguasolidarität, war es vor allem die Musik von Carlos Mejía Godoy und seinem Bruder Luis Enrique, die als echter Ausdruck nicaraguanischer Volkskultur verstanden wurde, die Lieder mit Quetschkommode und Marimba, die vom »Almendro donde la Tere«, dem »Solar de Monimbó« und der »Flor de Pino« erzählten, aber auch dem Grab des Guerillero und den »Mujeres del Cuá«, Lieder, die vom Widerstand zeugten, auch mal erklärten, wie man ein Sturmgewehr zusammensetzt (»¿Qué es el FAL?«) und im besten Sinne, nämlich im einzig richtigen, bei uns von den Nazis so radikal ausgerotteten, Volkslieder waren: mitten aus dem Volk, d.h. den einfachen Leuten stammten und für sie geschrieben waren. Die Bewegung, aus und mit der sie entstanden, das sog. »Movimiento Gradas«, Stufen - weil die Künstler vor allem auf den Stufen vor Kirchen auftraten -, hat Gioconda Belli noch einmal in ihrem neuen Buch beschrieben, das von den Jahren des Kampfes gegen die Diktatur und der Revolution handelt und im kommenden Frühjahr erscheinen wird.

Hatten also die sich an traditionellen Vorlagen orientierenden kulturellen Ausdrucksformen in den Jahren der Militärdiktaturen und Befreiungsbewegungen noch einen engen Bezug zur politischen und sozialen Realität der proletarisierten und verelendeten Massen, so sind sie in den 90ern eindeutig zu Klischees und Schablonen, zu nostalgischen Versatzstücken der älteren Generation der Compañeros drüben und Projektionen von uns Europäern hier geworden: So romantisch wie in den Romanen von García Márquez, Jorge Amado oder Isabel Allende, den Liedern von Daniel Viglietti und Atahualpa Yupanqui war die Wirklichkeit der meisten Menschen in Lateinamerika zwar nie, doch heute ist das noch weniger der Fall; sie haben ihr Zweck erfüllt und sind vollends zu Ikonen geworden.

Die gesellschaftliche Realität Lateinamerikas, die sich in der Lebenskultur der Menschen ausdrückt, ist in den letzten Jahren viel komplexer geworden, es gibt nicht mehr nur den »modernen« und den »traditionellen« Sektor, vielmehr ist der traditionelle Sektor immer kleiner und der moderne immer vielschichtiger geworden, gerade in Zentralamerika mit seinen enormen Migrationsbewegungen innerhalb der Region, aber vor allem über die Kulturgrenzen hinweg, in die USA, nach Kanada. Das, was die Dependenztheoretiker in den siebziger Jahren mal in bezug auf die Wirtschaft »strukturelle Heterogenität« nannten, ist längst auch für die Lebenskultur der Fall: Die kulturelle Situation - Kultur verstanden in einem ganz breiten Sinne, als Gesamtheit aller Ausdrucksformen der Lebensweise von Menschen - gerade der Zentralamerikaner als Bewohner des nordamerikanischen Hinterhofs ist in den letzten Jahren immer komplexer geworden, die traditonellen Elemente weichen immer rascher einem Gemisch, das von den Soziologen »cross culturing« genannt wird, ein Begriff, der hier die Sache jedoch eher verschleiert. Denn es handelt sich ja nicht um eine gleichberechtigte »Kreuzung«, Verbindung verschiedener Traditionen und Einflüsse. Welche Kultur die angeblich bessere, die Kultur der Gewinner ist, daran kann es keinen Zweifel geben: natürlich die nordamerikanische mit all ihren fragwürdigen Werten, Konsummustern und Leitbildern, an denen nur eine verschwindend kleine Elite teilnehmen kann und die für die Mehrheit der Bevölkerung wie eine Fata Morgana erscheint, ein alltäglicher, grausamer Zynismus, ein Schlag ins Gesicht, der deutlich macht: Ihr seid die Verlierer, aber wenn ihr brav seid, dürft ihr vielleicht die Brocken haben, die vom Tisch fallen.

Wie total und totalitär dieser Sieg des »American Dream« ist, im Kampf um die »hearts and minds«, um die es seit dem Vietnamkrieg noch in jeder Counter-Insurgency-Strategie ging, macht sich an den Symbolen deutlich, die den Globus überschwemmen, von den (umgedrehten) Baseballmützen bis zu den Nike-Schuhen. Es mutet seltsam an, wenn irgendwo am Río Coco eine Mískito-Mama ein T-Shirt mit der Aufschrift »Just do it!« oder »Hard Rock Cafe« spazieren trägt. Da wird es schwer, das Eigenständige, die Widerstandspotentiale überhaupt noch zu identifizieren. Sie stecken nicht mehr im Authentischen, Autochtonen, idyllisch Einheimischen, »Indigenen«, sondern oft genug im »schlechten Neuen«: den Hispano-Rap- und Gangsta-Rap-Adaptionen aus den Latinoghettos der USA, den mit offener oder latenter Gewalt und diffusem Protest gegen diese Welt schlechthin durchsetzten Botschaften der Slums des Nordens: kein Wunder, wenn man z. B. bedenkt, das bei 8 Millionen Salvadorianern mehr als eine Million in den USA lebt, allein in Los Angeles mehr als in der Hauptstadt San Salvador. Dass diese »Wirtschaftsflüchtlinge« nicht nur die begehrten »remesas« - Geldüberweisungen - nach Hause schicken (die auch im Falle Nicaraguas mittlerweile Kaffee, Zucker und Baumwolle als Hauptdevisenbringer verdrängen), sondern auch Lebens- und Konsummuster transportieren, liegt auf der Hand. Die Street Gangs aus der »Calle 18« in L.A, haben in El Salvador Ableger gegründet, die, zusammen mit dem Erbe des Befreiungskrieges der achtziger Jahre, ein hochexplosives Gemisch aus Kriminalität und Gewalt darstellen, ihre Mitglieder werden von den Gleichaltrigen oft genug als eine Mischung aus Robin Hood und Rambo angesehen: Nach der Niederlage der revolutionären Bewegungen gibt es kaum noch positive Orientierungsmuster, die den Jugendlichen ein Modell nahe legen, für das es sich zu kämpfen lohnt, eher geht es darum, sich im täglichen Überlebenskampf zu behaupten: la ley de la selva, das Gesetz des Dschungels. Bittere Ironie des Schicksals und kein Einzelfall: Ein Bekannter hat als junger Mann, als »cachorro«, wie man damals in Nicaragua sagte, in einem Batallón de Lucha Irregular (BLI) den ziemlich erbarmungslosen Krieg gegen die Contra in den achtziger Jahren überlebt und wurde im letzten Jahr Opfer einer Straßenbande, die ihn in seinem Barrio in Managua in einer Gewaltorgie bestialisch ermordete.

An diesen neuen, chaotischen, widersprüchlichen Zuständen muss auch eine politische Analyse ansetzen, von dieser Realität muss sie ausgehen, auch wenn wir dabei von liebgewonnen Klischees Abschied nehmen müssen. Das Idyllische wird sich in Zukunft immer mehr auf den Kunsthandwerkmarkt von Masaya beschränken, der Rest ist harter Überlebenskampf, für die Mehrzahl der Nicaraguaner. Die Beschäftigung mit diesen Verhältnissen, mit der tatsächlichen Lebenskultur der Nicaraguaner und den rasant stattfindenden Veränderungen, ist aber auch in dem Maße wichtig, wie wir feststellen, dass die überkommenen politischen Projekte nicht mehr tragen, dass auch nicht mehr klar erkennbar ist, wie ein neues politisches Projekt aussehen kann und wer die Protagonisten sein werden, spätestens, seit Daniel Ortega sich mit Arnoldo Alemán ins gemeinsame Bett der reinen Machterhaltung gelegt hat.

Dabei gibt es auch Anlass zu Optimismus, nicht alles ist Chaos und Katastrophe. Auf verschiedenen Ebenen der Gesellschaft gibt es Ansätze zu neuen Ausdrucks- und Widerstandsformen. Wir müssen nur bereit sein, auf die alten Orthodoxien zu verzichten, sie, die ja immer auch aus dem Bedürfnis nach Sicherheit geboren sind, stellen vielleicht das größte Hindernis dar, auf die sich verändernden Verhältnisse kreativ zu reagieren. Also: Bei aller Kritik an Globalisierung und Internetkultur sollten wir den Nicas den Zugang dazu (den wir ja längst ganz selbstverständlich nutzen) nicht versagen, wie ich das oft genug von altgedienten Aktivisten der Bewegung gehört habe, die sich schwer tun mit Anträgen der Projektpartner auf Computer und IT. Nicht die Technologie an sich ist schlecht, es kommt auf ihre Nutzung an - auch das EZLN, die Zapatistas in Chiapas, haben ihre Homepage. Und auch die Globalisierung müsste nicht schlecht sein, wäre sie nicht nur ein neuer Name für den alten Imperialismus, sondern tatsächlicher Ausdruck von mehr Austausch unter den Kulturen auf diesem Planeten. Kulturelle Mischformen, die aus einem solchen Austausch entstehen, sind ja seit jeher die Originellsten, Kreativsten, Zukunftsweisenden gewesen, das zeigt sich z.B. wenn kubanische Hip-Hop-Gruppen in ihren Stücken den Che besingen, sich also mit dieser »globalisierten« Musik bewusst nicht außerhalb der Revolution stellen, sondern die Verbindung suchen.

In dem Maße, wie die Nicas, die Latinos, sich globalisieren, immer weniger exotisch sind und immer mehr am gemeinsamen Welteinheitsbrei teilnehmen, kommen sie uns, die wir genauso und noch mehr in diesem Brei stecken, ein Stück näher. Jetzt wird es darauf ankommen, die neuen Eckpfeiler von Identität zu definieren, für uns alle. Die besteht eben nicht mehr notwendigerweise in einem gemeinsamen geographischen Raum, sondern quer durch die Welt zwischen Menschen, die gemeinsame Ziele und Träume teilen, wenn auch nicht notwendigerweise dieselbe materielle Situation. Nach dem Ende vieler hoffnungsvoller politischer Projekte geht es (hier wie dort) vor allem um die Verteidigung der Würde und einen grundsätzlichen, also radikalen Widerstand gegen alles, was diese Würde bedroht und beleidigt. Eine Kultur der Verweigerung, wie sie z. B. Herbert Marcuse schon in den 60ern forderte, eine Kultur des Widerstands, ist angesagter denn je. Sie muss in der Lage sein, ganz selbstbewusst und unorthodox zu prüfen, was wirklich schädlich ist uns was uns nützen kann am »schlechten Neuen«, im Kampf um die Würde der Menschen und um ihre Grundrechte, den ganz konkreten, materiellen und den kulturellen. Oder wie Galeano es ausdrückt: »Lateinamerika besitzt die phantastischste Vielfalt des Planeten, darin besteht seine Fruchtbarkeit und sein Versprechen. Wie der Anthropologe Rodolfo Stavenhagen sagt, ist "die kulturelle Vielfalt für die menschliche Art das, was die biologische Vielfalt für den genetischen Reichtum der Erde darstellt." Damit diese Energien die möglichen Herrlichkeiten der Menschen und der Erde ausdrücken können, müsste man damit beginnen, die Identität nicht mit der Archäologie und die Natur nicht mit der Landschaft zu verwechseln. Die Identität steht nicht still im Museum, noch lässt sich die Ökologie auf den Gartenbau reduzieren.«

 

 
   
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